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Der Hunger trifft in Detroit jetzt auch die Mittelklasse

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In der Wirtschaftskrise machen erstmals auch Angehörige der US-Mittelklasse Bekanntschaft mit dem Hunger.

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist in dieser Stadt ohne einen großen Supermarkt schon lange ein Problem. Jetzt brauchen aber eine ganze Menge neuer Leute Hilfe.

Von Steve Hargreaves
CNNMoney.com, 13.08.09
( http://money.cnn.com/2009/08/06/news/economy/detroit_food/index.htm )

DETROIT – In einer Nebenstraße eines ehemaligen Industriegebiets stapelt ein Lieferant vor einem Laden Waren auf eine Sackkarre. Zehn Fuß (ca. 3 m) davon entfernt steht ein Mann, der einen Tarnanzug, Kampfstiefel und etwas trägt, was wie eine kugelsichere Weste aussieht. Die Szene erinnert an Bagdad. Sie spielt sich aber nicht im Irak ab. Wir befinden uns im Südosten Detroits, und der Mann soll dort Lebensmittelgeschäfte schützen.

„Keine Bilder, weg mit der Kamera!“ brüllt er. Mein Begleiter und ich sind unterwegs, um uns anzuschauen, wie Leute unbebautes Gelände in der Stadt nutzen, um Essbares anzubauen; wir rennen weg.

In dieser von der Rezession gebeutelten Stadt ist der Nahrungsmangel ein ernstes Problem. Er ist immer wieder Gesprächsthema in Detroit (dem einst florienden Zentrum der US-Automobilindustrie). Weil es keinen einzigen großen Lebensmittel-Supermarkt mehr in der Stadt gibt, sind die Einwohner gezwungen, ihr Essen in Tante-Emma-Läden oder in billigen Discounter-Filialen zu kaufen. Dort gibt es häufig nur weniger gesunde, wenig abwechslungsreiche oder sehr teure Nahrungsmittel zu kaufen.

Weil sich die wirtschaftliche Situation der Stadt immer weiter verschlechtert – im Juli lag die Arbeitslosenquote bei 16 Prozent – nehmen die Nachfrage nach Lebensmittelgutscheinen und der Besuch von Suppenküchen sprunghaft zu.

Die Bürger Detroits sind dabei, sich auf die Krise einzustellen. Auf den riesigen Freiflächen (der Industriebrachen) betreiben sie eine Art städtische Landwirtschaft, und die Anzahl der freiwilligen Helfer in den lokalen Suppenküchen ist stark angestiegen.

Aber die Nahrungsmittelkrise vertieft sich und betrifft auch Menschen, die bisher nicht wussten, was Hungern heißt. Die ehemals gut verdienenden Arbeiter, die bisher die Suppenküchen und Tafeln mit ihren Spenden unterstützt haben, sind jetzt selbst arbeitslos und stellen die am schnellsten wachsende Gruppe der Hilfsbedürftigen.

„Wir müssen uns um ein Drittel mehr Menschen kümmern als vorher,“ sagte Jean Hagopian, eine Freiwillige der New Life Food Pantry (der Speisetafel Neues Leben), die von der Lebensmittelanlieferung in Detroit New Life Assembly of God (der Gottesgemeinde Neues Leben) angeboten wird, einer Kirchengemeinde in Roseville, einer Vorstadt, die etwa 20 Meilen (ca. 32 km) nordöstlich des Detroiter Stadtzentrums liegt. Frau Hagopian sagte, viele der Menschen, die neu um Hilfe bäten, hätten vorher gut verdient; ihre Lage sei jetzt aber so verzweifelt, dass sie dringend auf Lebensmittelspenden angewiesen seien.

Frau Hagopian ist eine 83-jährige Lehrerin im Ruhestand. Sie arbeitet vier Tage pro Woche für die Tafel; an zwei dieser Tage sammelt sie mit ihrem eigenen Minivan bei den Einzelhändlern der Stadt Lebensmittelspenden ein.

Bei der Tafel, die sich im Untergeschoss der Kirche befindet, werden Kisten mit Lebensmitteln ausgegeben, die für eine vierköpfige Familie eine Woche lang reichen. Neben verpackten Waren wie Zerealien, Teigwaren, Erdnussbutter und konservierten Früchten gibt es auch Frischgemüse, 7 bis 8 Pfund eingefrorene Fleischwaren, meist Huhn oder Hotdogs, und acht von einer lokalen Pizza Hut-Filiale gespendete Pfannen- Pizzas. Der größte Teil der sonstigen Lebensmittel wird bei einem Großhändler gekauft oder vom US-Nahrungsmittelprogramm gespendet. Letzten Monat wurden 519 Kisten ausgegeben.

Frau Hagopian hofft, dass die Nachfrage nach Lebensmitteln nicht zu sehr wächst.

„Ich hoffe, dass wir das schaffen, weil unsere Vorräte immer knapper werden. Dann müssen wir raus und noch mehr betteln,“ sagte sie.

Sie sollte sich auf das Schlimmste gefasst machen. In der ganzen Metropolregion Detroit melden soziale Dienste einen riesigen Zuwachs bei der Nachfrage nach (kostenlosen) Nahrungsmitteln.

Gleaners (Ährenleser), eine Agentur, die Überproduktionen von Nahrungsmittelherstellern verteilt, gibt an, dass die Nachfrage seit letztem Jahr um 18 Prozent gestiegen ist. Das Michigan Department of Human Services (das Sozialministerium des Staates Michigan), das die Lebensmittelgutscheine und WIC-Schecks (Einkaufsschecks für bedürftige Schwangere und Mütter mit Kleinkindern) der US-Nahrungsmittelhilfe ausgibt, hat seit Oktober (letzten Jahres) eine Zunahme der Anträge um 14 Prozent registriert. Die Anzahl der an die US-Hilfsorganisation United Way (gemeinsamer Weg) gerichteten Hilferufe hat sich seit dem letzten Jahr verdreifacht.

„Wenn wir die Mittel hätten, könnten wir die Zahl der von uns Betreuten verdoppeln,“ sagte Frank Kubik, der das Nahrungsmittelprogramm der Detroiter Hilfsorganisation Focus:Hope (Im Mittelpunkt: Hilfe) leitet, die im letzten Jahr 41.000 größtenteils ältere Menschen versorgt hat. Kubik sagte, weil sein Programm auf das gegenwärtige Budget begrenzt sei, könne er nicht mehr Menschen betreuen. Wenn es erhöht werde, würde er bestimmt mehr Mahlzeiten ausgeben.

„Niemand kann daran zweifeln, dass jetzt sehr viel mehr Menschen in Not geraten sind und wirklich ums Überleben kämpfen müssen,“ fügte er hinzu.

Das ist das neue Gesicht des Hungers.

In Detroit müssen seit langem viele Menschen kämpfen. In der gegenwärtigen Rezession sind aber auch ganz andere Menschen betroffen, nicht nur die Obdachlosen und die wirklich Armen.

Jetzt hungern auch Menschen aus dem Mittelstand, die ihre Jobs verloren haben, die ihnen 60.000 Dollars im Jahr einbrachten, oder Hauseigentümer, die durch die Immobilienkrise in Not geraten sind.

Viele dieser Menschen haben keinerlei Erfahrung mit der Bürokratie der sozialen Hilfsdienste, und deshalb ist es für sie so schwer, Hilfe zu bekommen.

„Sie wissen noch nicht einmal, wo das DHS-Office (das Sozialamt) ist,“ sagte DeWayne Wells, der Präsident des Nahrungsmittelverteilers Gleaners.

Um diesen neuen Hungernden zu helfen, hat Wells sie auf das Programm 211 der Hilfsorganisation United Way hingewiesen; dort können Menschen eine Hotline anrufen und von einem Berater erfahren, welche Sozialleistungen sie in Anspruch nehmen können.

Das Sozialministerium das Staates Michigan hat sogar ein Programm erstellt, mit dem Bedürftige ihre Lebensmittelgutscheine über das Internet anfordern können.

Das könnte helfen, ein anderes Problem zu überwinden, das auftaucht, wenn Menschen aus dem Mittelstand plötzlich Hilfe brauchen: den Stolz. Viele Menschen schämen sich so sehr, dass sie überhaupt nicht um Hilfe bitten, oder tun es nur mit großen Skrupeln.

„Sie entschuldigen sich, weil sie das bisher nicht nötig hatten und fühlen sich sehr gedemütigt,“ sagte Frau Hagopian, die Lehrerin Im Ruhestand. Sie fügte hinzu, die Zeiten hätten sich eben geändert; die von den Gewerkschaften gesicherten guten Jobs verschwänden, und es werde immer schwieriger, überhaupt Arbeit zu finden.

„Ich sage ihnen dann, unsere Gesellschaft sei nicht mehr das, was sie einmal war,“ meinte sie.

Aber Detroit kämpft.

Bisher hat die Nahrung immer noch gereicht. Weil aber immer mehr Menschen Hilfe brauchen, wird die Herausforderung größer.

„Vor ein paar Jahren sind einem solche Fälle nur im Fernsehen begegnet,“ erklärte Wells. „Jetzt trifft es plötzlich deinen Schwager oder die Leute, mit denen dein Kind Fußball spielt.“

Wells erklärte, dass Gleaners genug Freiwillige bekomme, weil das Gemeinschaftsbewusstsein insgesamt wachse.

Auch die US-Regierung helfe; im Rahmen des Konjukturprogramms seien die Mittel für die Lebensmittelgutscheine um 14 Prozent erhöht worden.

Die Detroiter versuchen sich auch selbst etwas zu helfen. Der Mangel an großen Supermärkten – ein Phänomen, das sich aus dem Mangel an (genügend zahlungskräftigen) Kunden erklärt – und die vielen Freiflächen haben die gemeinsame Gartenarbeit stark anwachsen lassen.

Diese Gärten können die Stadt zwar nicht vollständig ernähren, aber sie können wenigstens zur Ernährung beitragen. Vor allem lernen die Menschen und besonders die Kinder wieder, den Wert gesunder Nahrung zu schätzen.

„Ich esse jetzt jeden Tag Gemüse,“ sagte ein Kind, das sich nach der Schule an einem Gärtnerei-Programm beteilgt, das die Earthworks Urban Farm (der Städtische Hof für Erdarbeiten) in der Nähe des Stadtzentrums anbietet. „Gestern Abend habe ich eine hier geerntete Zwiebel mit meinen Kartoffeln gegessen.“

Das hören Leute wie Dan Carmody, der Präsident der Eastern Market Corp. (der Vermarktungsgesellschaft des Ostens) gern, die seit hundert Jahren frische Produkte und andere Lebensmittel am Rand der Innenstadt Detroits anbietet.

Carmody gehört zu einer Gruppe von Leuten, die versuchen, gesundes Essen in die Stadt zu bringen. Dazu gehört auch die Aufstellung mobiler Marktstände an verschiedenen Standplätzen in der Stadt und die Zusammenarbeit mit Läden, die frische Produkte anbieten wollen. Mit diesem Programm könnten für Lebensmittelgutscheine doppelt so viele Waren gekauft werden, wenn ihre Empfänger sie für die Erzeugnisse der Bauern der in der Umgebung Detroits liegenden Anbaugebiete ausgäben.

Er meint, die Ernährungssituation in Detroit sei auch deshalb besonders deprimierend, weil rund um Detroit massenweise die besten Nahrungsmittel wüchsen: In Michigan werden neben des besten Feldfrüchten des Landes vor allem Äpfel, Pfirsiche, Warzen- und Wassermelonen angebaut. Windsor, das über eine Brücke zu erreichen ist, hat die bekanntesten Hydrokulturen Kanadas, und die Farmen der Amish (einer strenggläubigen Sekte) in Ohio und Pennsylvania sind auch nicht weit entfernt.

Er betrachtet es als besondere Herausforderung, diese Nahrungsmittel nach Detroit zu schaffen und die Detroiter dazu zu bringen, sie auch zu kaufen. Dabei könnten die in der Stadt angelegten Gärten helfen.

„Sobald Kinder wissen, wo ihre Nahrung herkommt, wird das es ihre ganze Einstellung zum Essen ändern,“ hofft er.

(Wir haben den Artikel komplett übersetzt und mit Anmerkungen in Klammern versehen. In verfallenden Industriestädten des einmal reichsten Landes der Welt versuchen hungernde Menschen mit Feldfrüchten zu überleben, die sie auf kontaminierten Industriebrachen anbauen, und ihre Regierung verschwendet täglich Milliarden in völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, die nur die Superreichen noch reicher machen sollen. Wie lange wird das amerikanische Volk das noch hinnehmen? Wird sich die Bundesrepublik rechtzeitig von dieser unverantwortlichen Politik abkoppeln, damit unser Land nicht noch einmal derart katastrophale Zustände erlebt, die immer weniger Deutsche noch aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kennen?)

Quelle: luftpost-kl.de
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Written by mohart

27. August 2009 um 18:38

Veröffentlicht in USA, Wirtschaft

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