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Setzt nicht länger auf Obama, rastet lieber selbst aus!

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Chris Hedges fordert die US-Bürger auf, sich nicht länger auf Obama zu verlassen, sondern endlich selbst gegen die Herrschaft der Konzerne und ihre Kriege aufzustehen.

Von Chris Hedges
TruthDig, 14.09.09
( http://www.truthdig.com/report/item/20090914_stop_begging_obama_to_be_obama_and_get_mad/ )

Die Anschuldigungen der Rechten gegen Barack Obama treffen zu. Er ist tatsächlich Sozialist, aber sein Sozialismus nützt nur den Konzernen. Er verspielt die Zukunft unseres Landes mit Defiziten, die niemals gedeckt werden können. Er hat den Überwachungsstaat (Bushs) übernommen und sogar noch ausgebaut, um die US-Bürger ausspionieren zu können. Er zwingt uns dazu, uns in ein Gesundheits-System einzukaufen, das nur die Versicherungen bereichert und dem Missbrauch unserer medizinischen Versorgung zur Profitmaximierung Vorschub leistet. Er tut nichts gegen die Arbeitslosigkeit. Er wird auch unsere Kriege nicht beenden. Er wird unsere staatliche Ordnung nicht wieder herstellen, denn er ist nur ein Werkzeug der Konzerne, die unseren Staat beherrschen.

Die Rechtsextremen machen das richtig. Noch sind sie kein Problem. Wir sind das Problem. Wenn wir die berechtigte Wut, die unsere Nation erfasst hat, nicht nutzen, wenn wir uns nicht entschieden gegen die Betrügereien der Konzerne wehren und nicht gegen die imperialistischen Kriege aufstehen, die wir nicht gewinnen und uns nicht leisten können, wird das politische Vakuum, das wir zugelassen haben, von geistesgestörten Rechtsradikalen und Erzfaschisten ausgefüllt. Die rechten Schlägerbanden werden die Macht übernehmen, nicht weil sie so gerissen, sondern weil wir so schwach und so unfähig sind.

Latente Gewalt ist ein Teil der amerikanischen Geschichte. Sie wird durch die Kriege und und den wirtschaftlichen Niedergang geweckt. Die von den Schlachtfeldern im Irak und in Afghanistan ausgehende Gewalt zerreißt Personen, Familien und Gemeinschaften. Niemand ist immun dagegen. Je länger die Kriege dauern, desto länger werden die Angehörigen unserer Arbeiterklasse von Konzernaufsehern wie Sklaven behandelt, und die Gewalt wird bald unser ganzes Land beherrschen. Wir werden unweigerlich ins Chaos und in einen Polizeistaat schlittern.

Die Soldaten und Marineinfanteristen, die aus dem Irak und aus Afghanistan zurückkehren, sind häufig traumatisiert, werden aber trotzdem einige Monate später wieder in den Krieg geschickt und erneut traumatisiert. Das geschah in Vietnam weniger häufig. Die heimkehrenden Veteranen schlagen die üblichen Fluchtwege ein; sie kapseln sich ab, werden alkohol- oder drogenabhängig und müssen medizinisch behandelt werden. Viele flüchten aber auch in die Gewalt. Wir leben mit dem Risiko, dass sie sich wie die demobilisierten deutschen Soldaten nach dem Ersten Weltkrieg zu „Freikorps“ zusammenschließen; die haben damals geholfen, das eindrucksvolle Gebäude der Weimarer Republik einzureißen und den Nazis den Weg zu ebnen.

Aus den Kriegen in Afghanistan und im Irak sind Hunderttausende Soldaten der Kampftruppen mit Post-Traumatic Stress Disorder / PTSD (einer ausgeprägten Verhaltensstörung, die bei häufigen Kampfeinsätzen auftritt) oder schweren Depressionen in die (Zivil-)Gesellschaft zurückgekehrt. Nach einer Studie, die von der Veterans Affairs Department-University (dem Fachbereich Kriegsveteranen der Universität) in San Francisco im Juli veröffentlicht wurde, leiden etwa 418.000 der ungefähr 1,9 Millionen Kriegsteilnehmer an PTSD. Nach den letzten verfügbaren Zahlenangaben, die aus dem August 2008 stammen, sind zur Zeit rund eine Viertel Million Kriegsteilnehmer inhaftiert, das sind etwa 9,4 Prozent aller Häftlinge aus der Gesamtbevölkerung; diese Zahlen stammen aus einem Bericht des National GAINS Center Forum on Combat Veterans (des Forums das Nationalen GAINS-Zentrums über Kriegsveteranen) zu dem Thema „Traumamta und das Justizsystem“ (s. http://www.gainscenter.samhsa.gov/pdfs/veterans/CVTJS_Report.pdf ). Durchschnittlich sitzen jeweils 223.000 Kriegsveteranen im Gefängnis; die Zahl der Kriegsveteranen unter den 4 Millionen US-Amerikanern, die auf Bewährung freikamen, ist nicht bekannt. Die Eingesperrten haben nach ihrer Freilassung keine Perspektive. Wenn sie bei ihrer Inhaftierung noch nicht unter PTSD gelitten haben, wird sie unser Gefängnissystem sicher daran erkranken lassen. In einer Lage, die durch Arbeitslosigkeit, Hilflosigkeit, Depression, Orientierungslosigkeit, Wut, Alkohol und Drogen geprägt ist, greifen Tausende, wenn nicht sogar Zehntausende zur Gewalt wie ein Süchtiger nach einem Beutelchen Heroin.

Kriege und Konflikte haben den größten Teil meines Erwachsenen-Lebens geprägt. Ich weiß, was die längere Teilnahme am industriellem Morden einem Menschen antut. Ich weiß, wie es ist, wenn tief ins Unterbewusstsein eingegrabene Erinnerungen einem nachts mit Herzrasen und schweißgebadetem Körper aus dem Schlaf aufschrecken lassen. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man sich schlaflos mit klopfenden Herzen im Bett wälzt und sich zu erinnern versucht, was einem so in Schrecken versetzt hat. Ich kenne die Bilder voller Gewalt, die einem daran zweifeln lassen, ob der Alptraum oder die Dunkelheit die einem umgibt, real sind. Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man wie unter einem Schock stehend, von Schreckensbildern geplagt, von einer Verzweiflung gequält, die man nicht abschütteln kann, durch den Tag stolpert. Und ich weiß, wie man nach einigen solchen Nächten erstarrt und erschöpft die Fähigkeit verliert, mit seiner Umgebung, sogar mit Menschen, die man sehr liebt, zu kommunizieren. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich mit Alkohol oder Medikamenten in eine Art Koma versetzt, damit man sich nicht mehr an seine Träume erinnern muss. Und ich kenne die große Kluft, die sich zwischen einem selbst und dem Rest der Welt, besonders der zivilen Welt öffnet, die sich den Schmerz und den Hass die einen erfüllen, nicht vorstellen kann. Ich weiß auch, wie einfach sich dieser Hass gegen diese Welt umlenken lässt.

(Auch die zivile Umgebung) ist wie ein Minenfeld gespickt mit Reizen, die schlimme Kriegserinnerungen bei den Heimkehrern auslösen. Gerüche, Töne, eine Brücke oder das Geräusch eines Hubschraubers können sie in der Irak oder auf ein anderes Schlachtfeld zurückversetzen, zurück in eine Zeit voller Terror und Blut, zurück in die dunkelsten Winkel ihres Herzens, in Regionen, in denen sie am liebsten nie gewesen wären. Ihr Leben ist an manchen Tagen ein einziger Kampf gegen Erinnerungen und Traumata, die so unvorstellbar sind, dass sie denen, die ihnen am Frühstückstisch gegenüber sitzen, nicht erklärt werden können. Die Familien müssen erleben, wie diese Veteran immer schweigsamer werden; wenn sie nur noch ins Leere starren, wissen ihre Angehörigen, dass sie diese Männer und Frauen verloren haben. Sie hoffen, dass sie irgendwann wieder zurückfinden. Einige werden das aber nicht schaffen. Diejenigen, die ihren Erinnerungen auch mit Zoloft oder Paxil (zwei starken Antidepressiva) nicht entrinnen können, löschen ihr Erinnerungsvermögen mit Rauschgiften, Alkohol oder einer Kugel aus. In den ersten Jahren nach dem Vietnam-Krieg sind mehr Kriegsteilnehmer durch Selbstmord als während des Konflikts selbst gestorben. Es wäre aber ein Fehler, Vietnam dafür verantwortlich zu machen. Der Krieg hat ihnen das angetan. Er hat sie gezeichnet und (körperlich oder seelisch) verstümmelt. Wenn man nicht verstümmelt weiterleben kann, bringt man sich um.

Aber was geschieht in einer Gesellschaft, in der sich alles gegen sie verschworen hat, selbst wenn sie an Herkules erinnernde Anstrengungen unternehmen, um sich wieder in die Welt der Einkaufszentren, des Klatsches über Prominente und der viel zu vielen Frühstücks-Zerealien in den Supermarkt-Regalen zu integrieren? Was geschieht, wenn der Staat der Konzerne ihnen sagt, dass sie in seinen Kriegen sterben dürfen, zu Hause aber nur menschlicher Abfall sind, dass es keine Jobs für sie gibt, dass niemand ihre Arztrechnungen oder Ihre Hypotheken bezahlt, dass es keine Hoffnung für sie gibt? Dann ziehen sie sich in Ihre private Hölle der Wut, des Terrors und der Absonderung zurück. Sie finden aus der Welt des Krieges nicht mehr zurück. Sie sehnen sich nach seinen glatten, mächtigen Waffen, nach seinem Tempo und seinen Geräuschen, nach dem Rauschzustand, der die Grenzen zwischen Vernunft und Wahnsinn verwischt. Sie lechzen nach den verführerischen halluzinogenen Bildern des Kampfes. Sie vermissen die bewusstseinserweiternden Visionen des Gemetzels und des Leidens, der Gerüche und Geräusche, der Schreie, der Explosionen und der Zerstörung, die sie vorher nie erlebt haben. Sie erinnern sich an den Nervenkitzel der Gewalt, an das göttliche Machtgefühl, das sie durchströmt hat, als sie ungestraft Menschen das Leben nehmen durften, gerade dann wenn sie in ihrem erbärmlichen Nachkriegsleben auf den Scheck für das Arbeitslosengeld warten. Dann möchten sie sich wieder der Bruderschaft der Mörder anschließen. Im Krieg oder zu Hause, das ist ihnen egal.

In der Heimat herrscht eine unglaubliche Teilnahmslosigkeit, was die Geschehnisse im Irak und in Afghanistan angeht. Die hohlen Sprüche der Kriegstreiber über Heldentum und Ruhm, die von den Medienmachern in ihren Berichten nachgeäfft werden, vermitteln der Bevölkerung gute Gefühle über den Krieg und über „den Kriegsdienst“. Sie legen aber auch den Warnern einen Maulkorb an, die versuchen, uns die Wahrheit über den Krieg zu sagen. Und wenn diese Männer und Frauen wirklich den moralischen Mut zum Reden aufbringen, erleben sie häufig, dass sich viele ihrer amerikanischen Mitbürger angeekelt abwenden oder sie sogar angreifen, weil sie einen Mythos zerstören. Der Mythos des Krieges ist zu aufregend und zu profitabel, um von der Realität entlarvt zu werden. Deshalb geben sich auch diese Kriegsveteranen wieder ihren Machtphantasien hin. Sie beginnen, diejenigen, die sie in den Krieg geschickt haben, genau so zu hassen, wie sie die gehasst haben, gegen die sie kämpfen mussten. Einige können die einen nicht mehr von den anderen unterscheiden.

Als ich am Samstag auf einer Protestveranstaltung, auf der die Schließung des Army Experience Centers in Philadelphia (einer Einrichtung, in der für die Army geworben wird, s. http://www.army.mil/-news/2008/09/02/12072-army-experience-center-opens-in-philadelphia/ ) gefordert wurde, Anhängern des (rechten Motorradclubs) Gathering of Eagles (s. http://www.gatheringofeagles.org/mission ) in die Gesichter geschaut habe, erkannte ich diese Gefühle wieder. Diese Männer waren auf schwarzen Motorrädern angekommen. Sie trugen Lederjacken. Sie hatten sich aufgereiht, die meisten mit großen amerikanischen Fahnen, um die Protestierenden zu empfangen, unter denen sich auch einige Veteranen befanden. Sie beschimpften die sieben Menschen, die von der Polizei festgenommen wurden, weil sie sich weigerten, das Grundstück zu verlassen, als „Verräter“. Sie verteidigten ein System, das sie im Stich gelassen hat, obwohl sie das natürlich nicht zugeben. Sie sehnten sich danach, wenigstens für kurze Zeit wieder mächtig zu sein, die Polizeikette zu durchbrechen und einige der gottlosen „Kommunistenschwuchteln“ zusammenzuschlagen. Sie wollten, dass der Krieg nach Hause kommt.

Wir sind schuld am Zustand dieser jungen Männern und Frauen. Wir sind schuld daran, dass sie in Kriege geschickt wurden, die nicht gekämpft werden durften. Wir sind schuld daran, dass die Wahrheit über den Krieg verschwiegen und durch einen verherrlichenden Mythos ersetzt wird, schuldig weil wir Mörder ausbilden und mit Orden behängen; wenn sie aber verstümmelt und zerbrochen nach Hause kommen, wollen wir nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Wir sind schuldig, weil wir uns der Demokratischen Partei nicht widersetzt haben, die seit 1994 die Arbeiterklasse verrät, indem sie unsere Produktionsbasis zerstört, die Kapitalfonds mit denen den Armen geholfen werden sollte, plündert und feige nur die Forderungen der Konzerne erfüllt. Wir sind schuldig, weil wir Washington nicht genügend unter Druck gesetzt haben, um eine bezahlbare, nicht auf Profit ausgerichtet Krankenversicherung für alle US-Bürger durchzusetzen. Wir sind schuldig, weil wir die Demokraten unterstützt haben, während sie Milliarden Dollars der Steuerzahler verschwendet haben, um die Spekulanten der Wall Street zu stützen. Die Wut der verwirrten und zornigen Demonstranten aus dem rechten Spektrum, die von den Schwätzern in den Talk Shows angeheizt wird, die von den Liberalen unterschätzt und lächerlich gemacht wird, sollte unsere Wut sein. Und wenn es nicht bald unsere Wut wird, wenn wir fortfahren, uns zu ducken und zu erniedrigen, indem wir Obama anflehen, doch endlich Obama zu sein, werden wir erleben, wie unsere offene Gesellschaft demontiert wird, nicht durch die Gerissenheit der Rechtsradikalen, sondern wegen unserer moralischen Feigheit.

Chris Hedges hat zwei Jahrzehnte lang aus Kriegen in Lateinamerika, Afrika, Europa und dem Nahen Osten berichtet und ist der Autor des Buches „War Is a Force that Gives Us Meaning“ (Krieg ist eine Kraft, die uns Bedeutung verleiht). Sein letztes Buch heißt „“Empire of Illusion: The End of Literacy and the Triumph of Spectacle“ (Das Reich der Illusion: Das Ende der Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, und der Triumph der Schauspielerei). Seine wöchentliche Kolumne erscheint montags bei Truthdig.

(Wir haben den Hedges-Artikel komplett übersetzt und mit Anmerkungen in Klammern versehen. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)

Friedenspolitische Mitteilungen aus der
US-Militärregion Kaiserslautern/Ramstein
LP 204/09 – 22.09.09

Quelle: luftpost-kl.de.

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Written by mohart

23. September 2009 um 17:42

Veröffentlicht in Terror / Krieg, USA, Wirtschaft

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