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Sieben Millionen Honduraner unter Hausarrest

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AUTOR: Al GIORDANO
Übersetzt von Einar Schlereth

Honduraner des zivilen Widerstandes umgaben gestern die brasilianische Botschaft in Tegucigalpa, um ihren zurückgekehrten Präsidenten zu begrüßen. Heute früh wurden sie von Truppen des Coup-Regimes gewalttätig angegriffen, wodurch 24 Menschen ins Krankenhaus eingeliefert werden mußten. D.R. 2009, Mariachiloko, Chiapas Indymedia

Das 26-stündige Ausgangsverbot, das vom Coup-Regime über das ganze Land verhängt wurde, stellt effektiv 7.5 Millionen honduranische Bürger – Männer, Frauen, Kinder und Alte – unter Hausarrest. Es ist ihnen verboten, zur Arbeit zu gehen, zum Einkaufen oder die Straße hinunter, um einen Nachbarn zu besuchen. Wer immer auf der Straße angetroffen wird, kann wegen Verletzung des Ausgangsverbotes verhaftet werden.

Wenn dies dir passierte, wie würdest du das nennen?

Der öffentliche Vorwand für dieses plumpe Manöver ist mehr oder weniger nichts anderes als daß das Regime, sein ”Präsident” und sein Sicherheitsapparat vor seinen Landsleuten und der Welt bloßgestellt wurden. Die Behauptungen von Coup ”Präsident” Roberto Micheletti gestern früh, daß die Nachrichten einfach nicht wahr sein konnten, daß der legitime Präsident Manuel Zelaya wieder in der Stadt sein sollte, daß die Sicherheitskräfte des Regimes jedem seiner Schritte gefolgt wären und ”wüßten”, daß er sich ”in einer Hotelsuite in Managua” befände, wurden zu einem Schlag in Michelettis Gesicht, als Zelaya gestern auf dem Dach der brasilianischen Botschaft erschien, um die Menge der Bürger zu begrüßen, die ihren gewählten Präsidenten wiedereingesetzt sehen wollen.

Das militärische Ausgangsverbot hat keine praktische Bedeutung. Es wird nicht die erneute Abschiebung Zelayas vom nationalen Territorium herbeiführen. Es wird nicht seine Festnahme durch das Regime beschleunigen. Und es macht das Regime nicht legitimer. Im Gegenteil, es demonstriert erneut seinen repressiven, antidemokratischen und usurpatorischen Charakter. Es ist ein Verzweiflungsakt mit der Absicht, das ganze honduranische Volk zu bestrafen, weil es sich nach 86 Tagen nicht ”dem Program fügt” und den Coup billigt. Es ist ein Wutanfall des kindischen Micheletti, um sich zu schlagen und darauf zu bestehen ”Ich habe hier das Kommando”, aber es führt nur dazu, erneut zu unterstreichen, daß er nicht die Kontrolle über das Land und sein Volk hat.

Tausende verletzten offen in der vergangenen Nacht das Ausgangsverbot und hielten vor der brasilianischen Botschaft Wache. Am Morgen betraten die Sicherheitskräfte das Feld, schossen Tränengaskanister in die Menge (und über die Mauern der Botschaft) und griffen die friedlichen Demonstranten gewalttätig an. Krankenhäuser vor Ort berichten von 24 Verletzten bei dem Überfall. Die Nationalpolizei hat zusätzlich getrennt um 8 Uhr einen Überfall auf die Menschenrechtsorganisation COFADEH (Familienmitglieder der Verschwundenen und Verhafteten) unternommen und warf Tränengasgranaten durch die Glasfenster.

Radio Globo berichtet jetzt, daß derselbe Oberste Gerichtshof, der die honduranische Verfassung verdreht hat, um einen scheinbar legalen Vorhang um den Coup vom 28. Juni zu hängen, sich versammelt, um seinen neuesten Känguruh-Sprung zu bewerkstelligen: eine gerichtliche Order, um die Botschaft zu invadieren – die nach internationalem Gesetz brasilianisches Territorium ist – um Präsident Zelaya zu fangen (oder zu ermorden). So groß und irrational ist die Besessenheit des Regimes angesichts der Anwesenheit eines einzelnen Mannes im Land, daß es jeden Bürger in sein oder ihr Haus verbannt und erneut die Verfassung zerreißt.

In einem wehleidigen Versuch, den Sieg einzufordern in dem, was bisher die umwerfendste Niederlage des Coup-Regimes ist, hat Micheletti seinen US Ratgeber dazu gebracht, vergangene Nacht eine Kolumne in der Washington Post zusammenzupfuschen. Hier ist eine Schnellübersetzung aus seinem konfusen Englisch in verständliche Worte: ”Ich habe nichts Unrechtes gemacht, warum nur versteht mich niemand in der ganzen Welt?” Es ist die Rede eines Kindes zu seiner Mami und Papi, nachdem er wieder erwischt wurde, wie er Bonbons im Laden geklaut hat. Dem ersten Satz zufolge, in dem er sich beklagt, daß ”Manuel Zelaya heimlich nach Honduras zurückgekehrt ist”, scheint Micheletti zu glauben, daß die Welt vergessen hat, daß Zelaya zweimal im Sommer offen versuchte, sein eigenes Land zu betreten – und im vorhinein verkündete wann und wo – und Micheletti es war, der die Lufthafenlandebahn blockierte und Truppen an die Grenze schickte, um den gewählten Präsidenten draußen zu halten, obwohl er behauptete, Zelaya verhaften zu wollen.

”Die internationale Gemeinschaft hat fälschlicherweise die Ereignisse des 28. Juni verurteilt und zu Unrecht unser Land als undemokratisch bezeichnet,” lamentierte Micheletti in derselben Stunde, in der er das 26-Stunden-Ausgangsverbot verhängte. Wie kann überhaupt jemand auf die Idee kommen, daß ein Gefängniswärter, der 7.5 Millionen Leuten befiehlt, eingesperrt in ihren Häusern zu bleiben, irgendwie ”undemokratisch” sein könnte?

”Coups erlauben auch keine Versammlungsfreiheit. Sie garantieren nicht die Pressefreiheit, noch weniger Respekt vor den Menschenrechten”, schrieb Micheletti, während seine Truppen sich am Morgen bereit machten für einen Angriff auf eine freie Versammlung und auf das Büro einer Menschenrechtsorganisation, und nur Stunden, nachdem er die unabhängigen TV- und Radiostationen des ”Medienterrorismus” angeklagt hatte, weil sie die Wahrheit berichtet hatten, daß Zelaya zurückgekehrt sei (siehe Belén Fernández‘ heutigen Bericht aus Tegucigalpa: Radio Globo und Kanal 36 verkünden die Rückkehr von Zelaya).

An Michelettis Kolumne ist für Leser in den Vereinigten Staaten leicht zu erkennen, daß sie aus derselben Feder kommt, die der Lobbyist Lanny Davis im vergangenen Jahr benutzte, um zu behaupten, lange nachdem Hillary Clinton die Ernennung zur demokratischen Präsidentschafts-Kandidatin verloren hatte, daß sie gewänne. Und nun ist er ebenso pathetisch.

Unterdessen sind in dem Regime, das er eine ”Demokratie” nennt, siebeneinhalb Millionen Menschen in ihre Häuser verbannt, und er ist auch kein ”Präsident”. Er ist ein unbedeutender Wärter, der erst noch die doppelte schmerzliche Wirklichkeit bewältigen muß, daß er weder ein Staatschef ist noch die beste Sendezeit bekommt.

Aktualisierung um 2.46 p.m., in Tegucigalpa 4.46 p.m. ET): Er zeigt erneut seine große Liebe gegenüber ”Demokratie” und Gesetz, indem Micheletti seine Sicherheitskräfte über Megaphone gegenwärtig den Durchsuchungs-und Ergreifungsbefehl vor der brasilianischen Botschaft verlesen läßt. Es könnte ein Bluff sein, aber wenn Zelaya nicht darauf reinfällt (und The Field sagt voraus, daß er das nicht wird), und die Coup-Truppen die Botschaft stürmen, wird auf internationaler Ebene die Hölle losgehen, während die UN-Vollversammlung gerade ihre wichtigste Sitzung in diesem Jahr in New York eröffnet.

Brasiliens Außenminster hat in New York eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates verlangt. Das US-Außenministerium hat das de-facto-Regime aufgefordert, das brasilianische Territorium zu respektieren, und Präsident Obama hat gerade den US demokratischen Abgeordneten Bill Delahunt (D-MA), Führer im Kongreß gegen den honduranischen Coup, zur US-Delegation in der UN-Versammlung entsandt, vielleicht ein Anzeichen, daß dort etwas im Gange ist.

Ist das Coup-Regime derart desperat und dumm, einen kriegerischen Akt gegen brasilianisches Territorium zu begehen? (Zwei Worte zu bedenken: die Blauhelme) Wir werden es bald herausfindenn und hier berichten.

3.18 p.m.: Micheletti blinzelt:

Der de-facto-Führer von Honduras, Roberto Micheletti, sagte am Dienstag, er habe nicht die Absicht, in Konfrontation mit Brasilien zu gehen oder seine Botschaft zu betreten, wo der abgesetzte Präsident Manuel Zelaya Zuflucht gesucht hat, um der Verhaftung zu entgehen.

”Wir werden absolut nichts tun, um ein Bruderland zu konfrontieren. Wir wollen, daß sie verstehen, daß sie ihm politisches Asyl (in Brasilien) geben sollten oder ihn den honduranischen Behörden ausliefern sollten, damit er verurteilt werden kann,” sagte Micheletti zu Reuters.

Unterdessen haben zumindest zwei arme barrios [spanisch für – meist arme – Wohnviertel, d.Ü.] in und außerhalb von Tegucigalpa massenhaft dem Ausgangsverbot getrotzt und die Nationalpolizei aus ihren Vierteln verjagt: El Pedregal und Colonia Kennedy. Sie haben Barrikaden errichtet und das Coup Regime und die Sicherheitskräfte als non grata [unerwünscht, d.Ü.] erklärt.

5.57 p.m.: Brasilien hat jetzt seine Forderung nach einer Dringlichkeitssitzung schriftlich vorgelegt. Es betrachtet die feindseligen Aktionen seitens des honduranischen Coup-Regimes – das Abstellen des Wassers, des Telephons, der Elektrizität – sowie die physischen Eingriffe der Sicherheitskräfte des Regimes zu verhindern, daß Nahrungsmittel, Wasser und sonstige Verpflegung in die Botschaft gelangen, als Kriegshandlungen.

Der Sicherheitsrat hat fünf permanente Mitgliedsstaaten – Rußland, China, Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten – und fünf rotierende Sitze, die jetzt von Costa Rica, Kroatien, Lybien, Burkina Faso und Vietnam eingenommen werden. Man rechne. Der Vorsitz im Sicherheitsrat wechselt von Monat zu Monat. Im September 2009 gehört der Vorsitz den Vereinigten Staaten. Der Rat wird morgen früh zusammentreten, um die Situation in Honduras zu beraten und die Forderungen, die Brasilien stellt. Vielleicht in dem Zusammenhang: US Präsident Barack Obama ist für morgen 10 a.m. ET als Redner vor der UN Vollversammlung in New York vorgesehen.

8.03 p.m.: Eine interessante Entwicklung heute in den armen barrios und Kolonien von Groß-Tegucigalpa: Das militärische Ausgangsverbot – jetzt auf insgesamt 36 Stunden bis 6 Uhr früh ausgedehnt – bringt die große Masse der honduranischen Menschen, die von der Hand in den Mund lebt, in große Bedrängnis. Kleine Ladenbesitzer, ambulante Straßenverkäufer, Marktarbeiter und viele andere haben im allgemeinen keine Ersparnisse. Wenn sie an einem bestimmten Tag nicht arbeiten, dann haben sie und ihre Familien am Abend nichts zu essen. Sehr viele von ihnen haben keine Kühlschränke, und sie kaufen die Nahrung zum Essen am selben Tag ein. Das Ausgangsverbot verursacht Mangel an Nahrungsmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs und verhindert, daß viele nicht in der Lage sind, das Wenige, das sie brauchen, zu erwerben. Und nachdem die allgemeine Einstellung in den gewöhnlichen (lies: armen) barrios Anti-Coup gewesen ist, hat das Ausgangsverbot über Nacht eine Wut und einen höheren Grad an Organisation hervorgebracht.

Hinzu kommt die Tatsache, daß die Nationalpolizei die vergangene Nacht und heute damit zugebracht hat, in diese Viertel einzudringen, um das Ausgangsverbot durchzusetzen – weil viele Bürger sich nicht darum kümmern, da es in ihren täglichen Überlebenskampf eingreift – und ist dabei mit großer Gewalt vorgegangen, wie Schüsse von Tränengaskanistern in die Häuser, Eindringen in die Häuser der Leute und dergleichen. Dies hat ein allgemeines Phänomen im gesamten Bereich der Metropole hervorgerufen: Die Menschen sind massenhaft aus ihren Häusern gekommen, haben die Polizei aus vielen dieser Viertel hinausgeworfen und haben Barrikaden errichtet, um sie fern zu halten. Jetzt organisieren sie sich, um diese Barrikaden aufrechtzuerhalten. Das Coup-Regime hat somit über Nacht jeden Schein von Kontrolle in beträchtlichen Gebieten des städtischen Honduras verloren. Tegucigalpa fängt an, der Stadt Oaxaca in Mexiko im Jahre 2006 zu gleichen.

8.46 p.m.: Von Quotha.net gibt es eine detaillierte Information über die Aufstände Viertel für Viertel in Tegucigalpa heute und gestern.

Die de-facto-Regierung hat es durch ihre Gewalt und die Verweigerung der konstitutionellen und menschlichen Rechte fertigebracht, was Zelaya allein nicht vollständig schaffte zu vollenden: das ganze Land im Kampf für die Freiheit zu einen. Heute hat der Widerstand eine entscheidende Wendung genommen: er ist an die Basis gelangt. Die folgenden Viertel Tegucigalpas mißachten das Ausgangsverbot und protestieren gegen den Staatsstreich:

1. Arturo Quesada
2. Barrio Morazán
3. Centroamérica Oeste
4. Cerro Grande
5. Ciudad Lempira
6. Colonia 21 de Febrero
7. Colonia 21 de Octubre
8. El Bosque
9. El Chile
10. Flor del Campo
11. Hato de Enmedio
12. Kennedy
13. La Fraternidad
14. Pantanal
15. Pedregal
16. Picachito
17. Reparto
18. Residencial Girasoles
19. Residencial Honduras
20. San José de la Vega
21. Sinaí
22. Víctor F. Ardón
23. Villa Olímpica
24. Villanueva

An manchen Orten hat das Volk die Polizei zurückgeschlagen, während an anderen noch gekämpft wird. Von der Polizei wird scharf geschossen. Überall gibt es Barrikaden. Diese Liste ist von heute früh 7 Uhr Ortszeit in Tegucigalpa.

Eine neue Verlängerung des Ausgangsverbotes wurde eben angekündigt, die die Honduraner morgen den ganzen Tag am Einkaufen und Arbeiten hindert. Das wird die Situation weiter verschlimmern.

Quelle: Narconews – Seven Million Hondurans Under House Arrest as Micheletti Writes of „Democracy“

Originalartikel veröffentlicht am 22.9.2009

Über den Autor

Einar Schlereth ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8803&lg=de

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Written by mohart

26. September 2009 um 11:33

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