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Völkermord der Tutsi in Ruanda:Das Attentat vom 6. April 1994? Eine Manipulation von A bis Z- Interview mit Jean-François Dupaquier

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AUTOR:   Billets d’Afrique…et d’ailleurs

Übersetzt von  Susanne Shigihara

Exklusivinterview Billets d’Afrique mit Jean-François Dupaquier, Schriftsteller, Journalist und Präsident der Organisation Memorial International.

Der „Antiterror“-Richter Jean-Louis Bruguière hatte den Auftrag, die Verantwortlichen des Attentats vom 6. April 1994 in Kigali (Ruanda), das den ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana das Leben gekostet und das Signal zur Ausrottung der Tutsi gegeben hatte, zu identifizieren und zu verfolgen. Seine Verfügung stützt sich insbesondere auf „Beweisstücke“ des Funkspions Richard Mugenzi, der am 7. April 1994 Nachrichten abgefangen haben will, in denen die Patriotische Front Ruandas (FPR, Front Patriotique Rwandais) sich zu dem Attentat bekennt. Heute versichert Richard Mugenzi, dass diese Bekennungsschreiben von den Hutu-Extremisten komplett erfunden wurden, zweifellos um ihre eigene Verantwortung bei dem Attentat zu vertuschen. Diese Enthüllungen ziehen der These des französischen Richters den Boden unter den Füßen weg.


Juvénal Habyarimana

Billets d’Afrique: Jean-François Dupaquier, die Tageszeitung Le Monde hat mitgeteilt, dass Sie einen der Zeugen getroffen haben, die den Untersuchungsrichter Jean-Louis Bruguière von der Verantwortung der Patriotischen Front Ruandas (FPR) bei dem Attentat des 6. April 1994 überzeugt zu haben schienen – das Attentat, das den ruandischen Präsidenten Juvenal Habyarimana das Leben gekostet und als Auslöser des Genozids von 1994 in Ruanda fungiert hat. Nach Le Monde, Le Nouvel Observateur, Le Soir von Brüssel, der Agence France Presse und anderen Medien scheint dieser Zeuge namens Richard Mugenzi heute die FPR, im Gegensatz zu der von Richter Bruguière entwickelten These, hinsichtlich dieses Attentats zu entlasten. Unter welchen Umständen haben Sie diese Zeugenaussage, die so viel Staub aufwirbelt, eingeholt und worin bestehen ihre Konsequenzen?


Richard Mugenzi

Jean-François Dupaquier: Richard Mugenzi aufzutreiben, war nicht einfach und ich danke Richter Bruguière dafür, dass er mir unwissentlich geholfen hat, ihn zu finden. Hierzu der Kontext: Seit mehreren Jahren arbeite ich an der Redaktion eines Buches über die Ursprünge des Genozids von 1994, in dem ungefähr eine Million Tutsi und zahlreiche demokratische Hutu abgeschlachtet wurden. Sowohl als Journalist und Schriftsteller als auch als Gutachter-Zeuge und Berater beim Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR, International Criminal Tribunal for Rwanda, seit 1994 mit der Identifizierung und Verurteilung der Hauptakteure des Völkermords befasst) habe ich einen relativ ungehinderten Zugang zu den öffentlichen Sitzungen des Gerichts in Arusha (Tansania). Der bemerkenswerteste Prozess war derjenige, in dem der als Architekt des Genozids angesehene Oberst Théoneste Bagosora und andere höhere ruandische Offiziere, darunter seine rechte Hand, Oberst Anatole Nsengiyumva, gemeinsam auftraten. Dieser Prozess erforderte mehrere hundert Sitzungstage. Er umfasste zigtausende von Seiten an Prozessakten und Dokumenten verschiedener Art. Die Kronzeugen des Völkermords von 1994 traten in ihm auf.

Im Jahr 2002 beeindruckte mich die ausführliche Aussage eines Mannes, dessen Identität in außerordentlichem Maße geschützt wurde, so weit, dass Teile seiner Anhörung „zensiert“ wurden. Unter dem Pseudonym ZF und hinter einem Vorhang verborgen lieferte er eine niederschmetternde Beschreibung der Organisation des Genozids in Gisenyi, einer Grenzstadt zu Zaïre, die das Hauptquartier der Hutu-Extremisten der Epoche war. Trotz der „Zensur“ wurde klar, dass ZF ein im Oktober 1990 von der ruandischen Armee rekrutierter Funktechniker war, der die Funknachrichten der Rebellen der Patriotischen Front Ruandas abhören sollte.

Es erschien mir unabdingbar, ihn im Rahmen meiner Forschungsarbeiten zu treffen, doch trotz aller Bemühungen konnte ich ihn nicht identifizieren. Beim ICTR war sein Name eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Arbeitsgruppe „Zeugenschutz“. Niemand wollte seinen Posten riskieren, indem er mir seinen Namen und Aufenthaltsort mitteilte.

Im November 2006, als Jean-Louis Bruguière den Text seiner Verfügung (der im Internet allgemein zugänglich ist) veröffentlichte, in dem er neun hochrangige Mitglieder der ruandischen Armee anklagte, die Hauptorganisatoren des Attentats vom 6. April 1994 gewesen zu sein, nannte er den Namen des Hauptbelastungszeugen: Richard Mugenzi, Funktechniker in Gisenyi (S. 30). Der Antiterror-Richter schien damit eine Vereinbarung mit dem Internationalen Strafgerichtshof verletzt zu haben: unter der Bedingung, dass seine Anonymität gewahrt würde, hatte man ihm erlaubt, Richard Mugenzi 2001 in Arusha zu vernehmen. Doch meiner Ansicht nach handelt es sich hierbei um die geringste der Anomalien, die die von Jean-Louis Bruguière durchgeführte Ermittlung kennzeichnen. In jedem Falle konnte ich so dem Mann, den ich seit so vielen Jahren interviewen wollte, einen Namen zuordnen. Danach hat es mich noch drei Jahre gekostet, ihn ausfindig zu machen. Ohne ins Detail gehen zu wollen – es gelang mir, Richard Mugenzi am 29. Mai 2009 zu lokalisieren. Wir vereinbarten ein Interview für den 31. Mai. Im Laufe dieses Interviews teilte er mir mit, dass Jean-Louis Bruguière fälschlicherweise seine Aussage benutzt habe, um die Patriorische Front Ruandas des Attentats zu bezichtigen.

Billets d’Afrique: Können Sie uns erklären inwiefern die Zeugenaussage Richard Mugenzi von derart großer Bedeutung ist?

Jean-François Dupaquier: Richard Mugenzi wird auf den Seiten 29, 30, 31, 51 und 52 der Verfügung von Bruguière erwähnt, woraus die Bedeutung, die der „Antiterror“-Richter ihm beimaß, hervorgeht. Am 7. April 1994 gegen 8:45 morgens soll Richard Mugenzi eine Funknachricht der Patriotischen Front Ruandas abgefangen haben, in der sie sich zu dem 12 Stunden vorher verübten Attentat von Kigali bekennt. Die Nachricht ist unverschlüsselt, ganz im Gegensatz zur üblichen Chiffrierung der Patriotischen Front Ruandas und, wie man sagen muss, sämtlicher Armeen im Kriegszustand. Sie hatte ungefähr folgenden Wortlaut: „Der Unbesiegbare (Spitzname von Präsident Juvenal Habyarimana, von seinem „Hofstaat“ verliehen) ist in seinem Flugzeug gestorben, die Gorillas (die Hutu) haben verloren, die Bachstelzen (die Tutsi) haben gewonnen, der Sieg ist nah, Glückwünsche an die verstärkte Schwadron, der Krieg geht weiter“ usw.

Richard Mugenzi soll daraufhin drei weitere Nachrichten transkribiert haben, alle unverschlüsselt mitten zwischen den ansonsten codierten, die alle „bestätigen“, dass wirklich die Pariotische Front Ruandas Urheber des Anschlags war, da sie sich ja zu ihm bekannte und sogar damit brüstete.

Billets d’Afrique: Es konnte also nicht den geringsten Zweifel daran geben, wer für ein Attentat verantwortlich war, das den Tod des ruandischen Präsidenten, des ihn begleitenden Präsidenten von Burundi, mehrerer Minister und hoher Beamter sowie dreier Franzosen – des Piloten, des Kopiloten und des Mechanikers – verursachte? Und den Völkermord auslöste?

Jean-François Dupaquier: Mit diesen vier Bekennungstelegrammen glaubte Richter Jean-Louis Bruguière den absoluten Beweis für die Verantwortung der FPR an dem Attentat in der Hand zu haben.

Ich gebe zu, dass mich der Inhalt dieser angeblichen Nachrichten seit der Bekanntmachung der Verfügung am 17. November 2006 und den Informationen, die hinsichtlich der Ermittlungen durchgesickert waren, gestört hatte. Seit ihrer Gründung im Jahr 1988 hatte die Patriotische Front Ruandas eine tiefsitzende Abneigung gegen den Rassismus des Regimes Habyarimana an den Tag gelegt, das sich auf „ethnische Quoten“ zwischen Hutu und Tutsi stützte. Die mehrheitlich aus Tutsi bestehende Rebellenbewegung verurteilte die Apartheid, die nur noch in Ruanda und in Südafrika existierte. Ihre Mitglieder weigerten sich, sich als Hutu oder Tutsi zu bezeichnen und nannten sich einfach „Ruander“. Infolgedessen war es seltsam, dass am Tag nach dem Attentat des 6. April die FPR eine – noch dazu unverschlüsselte – Nachricht veröffentlicht haben sollte, in der die Hutu pejorativ als „Gorillas“ und die Tutsi als „Bachstelzen“, gemeinhin als elegant angesehene Vögel, bezeichnet werden. Als Co-Autor des Buches „Die Medien des Genozids“ (Les médias du génocide) weiß ich genau, dass es die extremistische Hutu-Presse der Zeit war, die behauptete, die FPR betrachte alle Hutu als „Gorillas“ und verbreite dementsprechende Karikaturen.

Die Frage der vier Telegramme vom 7. April nahm meine Aufmerksamkeit nicht voll in Anspruch, da das Attentat gegen das Flugzeug Habyarimanas nicht der Grund für den Genozid war, wie ich in meinem nächsten Buch hoffe darlegen zu können. Doch hatte ich mir vorgenommen, Richard Mugenzi zu diesem Punkt zu befragen. Ich begann damit, ihm die Frage zu stellen, ob ihm in den vier Jahren, während der er Nachrichten der FPR abgefangen hatte, Mitteilungen über ethnische Spaltungen in Hutu und Tutsi aufgefallen seien. Er verneinte. Daraufhin las ich ihm die vier angeblich von den Funktechnikern am 7. April 1994 abgefangenen Nachrichten vor. Daraufhin gestand er folgendes: diese Nachrichten seien nicht von der FPR aufgefangen worden, sondern wären ihm von Oberst Anatole Nsengiyumva diktiert worden. Praktisch heißt das, dass Nsengiyumva, einer der extremistischsten hochrangigen Militärs, ihm ein Stück Papier gegeben und ihn beauftragt habe, es abzuschreiben als ob es sich um eine von der FPR abgefangene Nachricht handele. Ich gestehe, dass mich diese Aussage verblüffte. Daraufhin las ich ihm die drei anderen Nachrichten vor und er antwortete das gleiche.

Billets d’Afrique: Welche Schlussfolgerung ziehen sie aus dieser Erklärung Richard Mugenzis?

Jean-François Dupaquier: Die Enthüllung des ehemaligen Funkspions klärte schlagartig diese Episode auf: es handelte sich um eine bewusste Manipulation. Genau 12 Stunden nach dem Attentat versuchte Oberst Nsengiyumva, direkter Mitarbeiter und Komplize von Oberst Bagosora (wie aus dem Urteil des Internationalen Strafgerichtshofs vom letzten Februar hervorgeht, das alle beide zu lebenslänglicher Haft verurteilte), durch die Ausstellung eines falschen Schriftstücks glauben zu machen, dass das Attentat von der FPR begangen wurde.


Oberst  Anatole Nsengiyumva                                       Oberst   Théoneste Bagosora

Billets d’Afrique: Hatten Sie sich eine derartige Manipulation nicht vorher vorstellen können?

Jean-François Dupaquier: Ich wusste seit den Anhörungen im Prozess Bagosora im Jahr 2002, dass sich in Gisenyi ein Funkspionagezentrum befand, das als „sehr leistungsstark“ angesehen wurde. Ich entdeckte, dass das französische Militär in diesem Zentrum eine Rolle gespielt hatte und dass Richard Mugenzi von diesen französischen Militärs eine Ausbildung in Funkspionage erhalten hatte. Doch als Journalist war ich während meiner Karriere nie mit Spionagefragen in Verbindung gekommen und wurde mir schlagartig bewusst, dass das Spionagezentrum von Gisenyi auch ein Desinformationszentrum darstellte, dass die Desinformation ein Teilgebiet der Spionage ist. Ich hatte zweifellos das Buch von Gabriel Peres und David Servenay „Une Guerre Noire“ (Ein schwarzer Krieg) nicht aufmerksam genug gelesen, in dem speziell dieser „Beitrag“ der französischen Militärs in Ruanda behandelt wird, der in direkter Nachfolge der im Algerienkrieg verwendeten Methoden zu sehen ist…

Richard Mugenzi bestätigte mir im selben Interview, dass Oberst Nsengiyumva ihm bei anderen Gelegenheiten angeblich von der FPR abgefangene Nachrichten diktiert habe, die nichts als Desinfomationsmanöver waren.

Billets d’Afrique: Was war der Zweck der falschen FPR-Nachrichten?

Jean-François Dupaquier: Alle, die etwas über die Tragödie in Ruanda informiert sind, wissen, dass die Hutu-Extremisten nach dem Attentat folgende Nachricht pausenlos, vor allem im Radio- und Fernsehsender der „Mille Collines“ (RTLM) wiederholt hatten: „Die Tutsi der FPR haben den Vater der Nation getötet, alle Tutsi verdienen dafür den Tod“. Mit dieser Propaganda wurden die Hutu-Massen radikalisiert und dazu angetrieben, mit nicht nachlassender Energie ihre Tutsi-Nachbarn zu ermorden – Männer, Frauen, Kinder, Greise, alle ohne Ausnahme…. Dies war umso wirksamer als die Bevölkerung schon seit langem mit Hasspropaganda bearbeitet und von den bewaffneten und zum Töten abgerichteten Milizen umgeben war. So wird verständlich, dass die falschen Nachrichten Teil einer raffinierten Strategie waren, die in den Genozid der Tutsi münden sollte, indem diese verteufelt wurden und man versuchte, die Hutu in Killer zu verwandeln.

Billets d’Afrique: Warum hat nun aber Richard Mugenzi Richter Bruguière gegenüber gelogen, als dieser ihn in Arusha verhörte?

Jean-François Dupaquier: Zuerst war ich derart überrascht von seiner Enthüllung, dass ich vergaß diese offensichtliche Frage zu stellen. Ich rief Richard Mugenzi später noch einmal an. Er erklärte mir, dass, als er im Jahr 2002 beim ICTR gegen Bagosora und Nsengiyumva ausgesagt hatte, niemand ihn nach den besagten Telegrammen gefragt habe. Es ist bekannt, dass für die Anklage des ICTR das Szenario des Attentats vom 6. April 1994 ein Tabuthema ist, Richter Bruguière hat sich in seiner Verfügung ausreichend darüber ausgelassen – zu Recht. Und im Rahmen der Gegenbefragung des Zeugen, der die beiden hinsichtlich ihrer Rolle während des Völkermords in Gisenyi schwer belastete, kamen weder Bagosora noch Nsengiyumva auf diesen Punkt zu sprechen, man weiß heute warum.

Jean-Louis Bruguière teilt mit, dass er Richard Mugenzi am 5. Juni 2001 verhört habe (S. 52). Obwohl er ihn als einen Hauptzeugen beschreibt, soll er ihn jedoch nie persönlich befragt haben. Richard Mugenzi erklärt, dass er erst eine halbe Stunde vor seiner Anhörung durch das Team des Richters in Arusha benachrichtigt worden sei. Er erklärt, dass er einem französischen Polizisten gegenübergestellt wurde, der sich damit begnügt habe, ihn bescheinigen zu lassen, dass es sich bei den angeblichen FPR-Nachrichten um seine Handschrift handele, ohne sich die Mühe zu machen, ihn zu fragen, ob es authentische Transkriptionen seien. Ich teile Ihnen hier die Version Richard Mugenzis mit. Es wäre interessant, dieses Anhörungsprotokoll der Akten Bruguière zu lesen, doch leider unterliegt es dem Ermittlungsgeheimnis.

Billets d’Afrique: Sie erwähnen eventuelle Unterlassungen der mit Bruguière zusammenarbeitenden Polizisten. Können Sie  sich klarer ausdrücken?

Jean-François Dupaquier: Es scheint, dass die Untersuchung ausschließlich in einer Richtung geführt wurde, um sehr schnell einen Schuldigen zu finden: die FPR. Hierzu ein Beispiel: Bei der Lektüre der Verfügung fällt unter den Zeugen des Richters ein ruandischer Journalist auf, den ich gut gekannt habe, Jean-Pierre Mugabe. In seiner Zeitschrift Le Tribun du Peuple (Der Volkstribun) publizierte er einen ausführlichen Artikel, der vier Mitglieder der Präsidentengarde beschuldigte, Habyarimana ermordet zu haben. Eine These, die von Bruguière sofort zurückgewiesen wurde. Später, als er in den USA im Exil war, beschuldigte Mugabe die FPR, Auftraggeber des Attentats gewesen zu sein. Der Richter frohlockt und lässt sich über die neue, nun zwangsweise richtige Spur aus. Ohne sich Fragen zur Glaubwürdigkeit des Zeugen zu stellen.

Billets d’Afrique: Das ist ein Detail!

Jean-François Dupaquier: OK, sprechen wir über wichtigere Indizien wie die berühmte Black Box des Präsidentenflugzeugs. Wie der Journalist Patrick de Saint-Exupéry in Le Monde vom 8. April des Jahres enthüllte, wurde der berühmte „Aufzeichnungsapparat der Stimmen aus dem Cockpit“, der unter mysteriösen Umständen nach dem Attentat aufgefunden worden war, von Spezialisten als die Black Box einer Concorde identifiziert. Sie soll auf dem Gelände des Flughafens Roissy in Paris vermutlich aus einer Wartungswerkstatt entwendet und danach frisiert worden sein, um die Aufnahme der auf dem Flughafengelände in Kigali aufgezeichneten Konversationen zu enthalten. Sie soll mit der „echten“ Black Box der Falcon 50 des Präsidenten, die nie mehr aufgetaucht ist, ausgetauscht worden sein.

Es ist nicht schwer zu erraten welchen Organisationen die Person, die eine derart subtile wie dumme Manipulation ausführte, angehören kann. Im April 1994, angesichts der Intensivierung des Krieges und des Völkermords hatten die Militärs der Patriotischen Front Ruandas andere Probleme und sicher nicht derartige Kapazitäten zur Fälschung von Indizien.

Diese Black Box ist ein Köder, doch es scheint, als habe die Antiterror-Polizei nicht versucht zu wissen, wer dieses falsche Indiz gestohlen, transportiert und dort abgelegt hat, wo es hingehörte: an den Ort des Crashs.

Das dritte falsche Indiz sind die zwei Raketenwerfer, die am 24. oder 25. April auf einem Hügel in der Nähe des Flughafens von Kigali unter äußerst zweifelhaften Umständen gefunden wurden. Richter Bruguière bezieht sich ausführlich auf diese beiden Raketenwerferrohre, die leider danach verschwunden sind, indem er von dem Postulat ausgeht, dass sie zu dem Attentat auf das Präsidentenflugzeug gedient haben.

Die französischen Abgeordneten hatten im Rahmen der „Aufklärungsmission Quilès“ im Jahr 1998 beobachtet, dass auf der Fotografie einer der beiden Rakentenwerferrohre, die vom ruandischen Militär im Mai geliefert worden war, zu sehen ist, dass sie noch ihre beiden Verschlusskappen besaß, also neu war und nicht benutzt worden sein konnte. Richter Bruguière erwähnt diese Beobachtung des gesunden Menschenverstandes nicht einmal. Jedesmal wenn man ihm einen „Beweis“ präsentiert, der der FPR die Schuld aufbürdet, verliert er jegliche Kritikfähigkeit.

Billets d’Afrique: Wie können Sie dessen derart sicher sein?

Jean-François Dupaquier: In seiner Verfügung erwähnt Richter Bruguière auf den Seiten 40 bis 43, dass die FPR von Beginn ihrer Offensive im Oktober 1990 an Raketen vom Typ SAM 7 und SAM 16 in Besitz hatte – das ist durch zahlreiche zuverlässige und übereinstimmende Quellen belegt. Wer den mit dem Einfall der FPR ab Oktober 1990 einsetzenden Bürgerkrieg in Ruanda beobachtet hat, weiß, dass letztere eine Anzahl schwerer Waffen aus den Beständen der ugandischen Armee an sich gebracht hatte, darunter eine größere Zahl von Boden-Luft-Raketen, die 1987 von der ehemaligen Sowjetunion an Uganda verkauft worden waren. Diese sehr effektiven Luftabwehrwaffen sollten die strategische Unterlegenheit der Rebellen kompensieren, die auf fast wüstenartigem Terrain operierten, nahezu ohne Vegetations- Deckung und den sechs mit Maschinengewehren und Raketen bestückten Gazelle-Hubschraubern der Ruandischen Armee (Forces Armées Rwandaises) ausgesetzt, die sich als äußerst wirksam gegen sie erwiesen.

Ich habe zu diesem Thema James Kabarebe befragt, den Chef des Führungsstabs der Patriotischen Armee Ruandas (APR, Armée patriotique rwandaise, die Armee der FPR). Er berichtete mir wie seine motorisierte Rebellenkolonne im Oktober 1990 praktisch ausgelöscht worden war. Ein Gazelle-Hubschrauber, der den tansanischen Luftraum verletzte, hatte sie am helllichten Tag überrascht, mit dem Maschinengewehr sämtliche Fahrzeuge in Brand gesetzt und zahlreiche Tote und Verletzte zurückgelassen.

Während der vier Kriegsjahre bis zum Attentat am 6. April 1994 wurde kein einziges Luftfahrzeug der ruandischen Armee von einer Rakete abgeschossen oder beschädigt.

Billets d’Afrique: Jean-Louis Bruguière sagt in seiner Verfügung genau das Gegenteil. Er führt zahlreiche Zeugenaussagen von französischen und ruandischen Piloten an, die bestätigen, dass Fluggeräte der ruandischen Armee von Raketen des Typs SAM abgeschossen wurden…

Jean-François Dupaquier: Der Grund für diese Anschuldigung ist klar, da sie die These des Richters untermauert: sie soll beweisen, dass die FPR die Handhabung der SAM beherrschte und dass die Zerstörung von Habyarimanas Falcon 50 nicht ihr erster „Waffengang“ dieser Art war. Und doch irrt sich Bruguière. Die FPR hat kein einziges Luftfahrzeug mithilfe von Raketen während der vier Jahre Bürgerkrieg abgeschossen.

Billets d’Afrique: Welche Beweise haben Sie dafür, dass der Richter sich in seiner Verfügung irrt?

Jean-François Dupaquier: Richter Bruguière führt an, dass ein Hubschrauber und ein Beobachtungsflugzeug von Raketen der FPR im Oktober 1990 und Anfang 1991 abgeschossen wurden. Dieser Angabe widerspricht eine Notiz von General Quesnot, dem Chef des persönlichen Führungsstabs von Präsident Mitterrand, der als solcher Empfänger sämtlicher Berichte des Verteidigungsattachés in Kigali sowie der Berichte der Geheimdienste in Ruanda war. In dieser an den französischen Präsidenten gerichteten Notiz, die auf den 23. Mai 1991 datiert und im Archiv Mitterand allgemein zugänglich ist, zeigt sich General Quesnot in der Tat über die Raketen der FPR beunruhigt, doch erwähnt kein einziges Luftfahrzeug, das damit abgeschossen worden wäre. Im Gegenteil, er beunruhigt sich „über einen konkreten Fall anarchischer Proliferation von Boden-Luft-Raketen, eine Waffengattung, die große Gefahren für alle Arten von zivilen oder militärischen Luftfahrzeugen darstellt.“

Billets d’Afrique: Zu welcher Gelegenheit wurde diese Notiz verfasst?

Jean-François Dupaquier: Hier wird es interessant. Anlässlich einer Offensive der FPR am 17. und 18. Mai 1991 im Nordosten Ruandas erlitten die Rebellen eine schwere Niederlage. Sie flohen unter Zurücklassung ihrer Materialvorräte. Auf dem Schlachtfeld erbeutete die Armee Habyarimanas eine Reihe von SAM 7 und SAM 16 Raketen. Es müssen zweifellos so viele gewesen sein, dass eine ganz neue SAM 16, noch in ihrem Abschussrohr, dem Verteidigungsattaché der französischen Botschaft geschenkt wird, wodurch sich die Notiz des Generals Quesnot erklärt.

Ein Teil der anderen Raketen, von Richter Bruguière mit dem unpassenden Begriff „Trümmer“ bezeichnet, wird triumphal in der Militärakademie (Ecole Supérieure Militaire) von Kigali öffentlich ausgestellt. Oberst Nsengiyumva, damals Chef des Spionagedienstes der ruandischen Armee, interessiert sich persönlich für diese Angelegenheit, was angesichts seiner Funktion auch normal ist. Weniger normal ist, dass diese Raketen und Raketenwerferrohre danach verschwinden. Richter Bruguière und seine Polizisten erkundigen sich nicht, was aus ihnen geworden ist. Und doch ist es verdächtig, dass diese Raketen, deren Wert sich auf mehrere Millionen Dollar beläuft, für die Welt verloren sind. Zwei Dinge sind sicher:

1 – In diesem Bürgerkrieg, in dem die Erbeutung von Waffen auf dem Schlachtfeld eine wichtige Rolle spielt, kann man nicht behaupten – wie es Richter Bruguière tut -, dass nach dem 18. Mai 1991 die ruandische Armee (FAR) keine Raketen zur Verfügung hat.

2 – Umgekehrt scheint die FPR nach dem 18. Mai 1991 ihren gesamten Raketenvorrat verloren zu haben. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus der Tatsache, dass zwischen dem 18. Mai 1991 und dem 6. April 1994 kein Luftfahrzeug von der FPR mittels Raketen abgeschossen wurde.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die beiden Raketenwerferrohre, die unter mysteriösen Umständen am 24. oder 25. April 1994 in der Nähe des vermuteten Abschussortes gegen das Falcon-Flugzeug des Präsidenten Teil dieser sogenannten „Trümmer“ sind, die während mehrerer Wochen in der Militärakademie in Kigali ausgestellt worden waren. Doch das Ermittlungsteam um Richter Bruguière scheint diese Spur nicht verfolgt zu haben, die, das muss unterstrichen werden, zu Oberst Anatole Nsengiyumva, den Erfinder der falschen Bekenner-Telegramme des Attentats und Dienstherr der „Trümmer“ zu der Zeit, geführt hätte. Muss man noch hinzufügen, dass Richter Bruguière und sein Team für Oberst Nsengiyumva, den sie im Gefängnis zu Arusha ausführlich verhört haben, eine wahre Leidenschaft entwickelten, die sie laut hinausposaunten, wie Richter des ICTR heute berichten, die darüber noch immer fassungslos sind…

Billets d’Afrique: Glauben Sie, dass das Team von Jean-Louis Bruguière der Indoktrinierung durch die Gefangenen von Arusha, den sog. „Hauptvölkermördern“, unterlegen sein könnten?

Jean-François Dupaquier: Ehrlich gesagt ja. Hierzu genügt die Beobachtung einer weiteren enormen Anomalie: die Wahl von Fabien Singaye, einem ehemaligen ruandischen Spion, der für seinen pathologischen Hass auf die Tutsi bekannt ist, als Dolmetscher durch Jean-Louis Bruguière. Bis zum Genozid, unter dem Deckmantel eines bescheidenen Postens als zweiter Botschaftssekretär in Bern (Schweiz), verfasste Fabien Singaye zahlreiche Berichte über die demokratische ruandische Exilopposition. Eine seiner Marotten war es, ruandische Diplomaten und Militärs zu denunzieren, die heimlich Tutsi-Frauen geheiratet hatten, was sie in den Augen des Regimes natürlich diskreditierte. Nach der Entdeckung dieser Berichte in der Botschaft sowie anderer Unregelmäßigkeiten wurde Fabien Singaye im Sommer 1994 aus der Schweiz ausgewiesen. Es ist richtig, dass man ihn des Versuchs beschuldigte, seinen Schwiegervater Félicien Kabuga, Finanzier des Völkermords und von RTLM (Radio Télévion Libre des Mille Collines) illegalerweise in die Schweiz einzuschmuggeln, einen Mann, der, mit Osama bin Laden, noch heute zu den meistgesuchten Personen der Justiz gehört und auf dessen Kopf die gleiche Prämie ausgesetzt ist: 25 Millionen Dollar.

Hat Fabien Singaye die Ermittlung des Richters Bruguière beeinflusst? Diese Frage zu stellen ist legitim. In den meisten Rechtsstaaten würde die Wahl eines derart umstrittenen Individuums als Dolmetscher die gesamte Untersuchung zu Fall bringen.

Billets d’Afrique: Zu welchem Schluss kommen Sie am Ende Ihrer Ermittlungen und Nachforschungen?

Jean-François Dupaquier: Die falschen Telegramme, die sich im Namen der FPR zu dem Attentat des 6. April 1994 bekennen, erinnern unweigerlich an den falschen „Bordereau“ der Dreyfus-Affäre am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich. Man muss gegenüber Anachronismen und Amalgamierungen misstrauisch sein, doch die Ähnlichkeiten zwischen dem, was von nun an die „Affäre Bruguière“ genannt werden muss, und der Dreyfus-Affäre sind frappierend. Ich bin Franzose, ich liebe mein Land, doch manchmal „tut es mir weh“. Unter dem Deckmantel von Staats-, Militär- und Justizgeheimnis entwickelt sich in periodischen Abständen eine Art politisch-juristischer Abszess, der einem kollektiven Psychodram gleicht, das sich aus den übelsten Beweggründen speist. Da der Jude, der natürlich Verräter, Schuft und Schuldiger ist, hier der Tutsi, von Journalisten und Schriftstellern, die dem Richter Bruguière „die Suppe servieren“, als biologisch hinterlistig, räuberisch, grenzenlos grausam und zynisch dargestellt. Es lohnt sich, den Teil der Verfügung des Richters Bruguière noch einmal zu lesen, in dem er, angeblich „im Namen des französischen Volkes“, die FPR-Rebellen beschuldigt, die Ausrottung der Tutsi in Ruanda geplant zu haben, um die Alleinherrschaft zu gewinnen. Was würde man von einem Mann sagen, der die Juden beschuldigt, Hitler zum Holocaust getrieben zu haben, um den Staat Israel zu erhalten? Doch hier sprechen wir von Schwarzafrika, bewohnt von Völkern, über die man heute noch in Frankreich in voller Straflosigkeit herziehen kann. Wer hat sich erhoben, um dagegen zu protestieren? Welcher Justizminister hat nach dem 17. November 2006 den Oberster Rat des Richterstandes (Conseil supérieur de la Magistrature) angerufen, damit er sich mit der „Bruguière-Affäre“ befasse?

Man erinnert sich, dass die ersten Demokraten, die sich erhoben, um die Unschuld von Dreyfus zu beteuern, als antinationale Elemente, als „Anti-Franzosen“ verschrien wurden, genau wie es von seiten gewisser Auftragsschriftsteller denjenigen ergeht, die es wagen, die Ermittlung Bruguières zu kritisieren. Man erinnert sich, dass die von ihrem antisemitischen Wahn und einer außergewöhnlich korporatistischen und bornierten Auffassung der „Ehre des Militärs“ getriebenen Richter Dreyfus zweimal unter Nichtachtung der Beweislage und unter Verletzung all seiner Rechte verurteilt und Esterhazy freigesprochen haben, von dem alle wussten, dass er schuldig war. Muss man hinzufügen, dass man heute raten kann, wer der Esterhazy des Attentats vom 6. April 1994 ist und wer seine Komplizen? Und dass man von der politischen Seite erwartet, dass sie den gordischen Knoten einer seit elf Jahren in ihren Vorurteilen und falschen Pisten versandeten Ermittlung zerschlägt?


Quelle: Billets d’Afrique Génocide des Tutsi rwandais. L’attentat du 6 avril 1994 ? Une manipulation de A à Z

Originalartikel veröffentlicht am 1.9.2009

Über den Autor

Susanne Shigihara ist ein Mitglied von Survie, einem Partner von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin, der Prüfer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8846&lg=de

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Written by mohart

1. Oktober 2009 um 11:52

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