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Ken Saro-Wiwa und Alberto Pizango: Zwei Männer geprägt durch den freien Markt, vom Nigerdelta bis zum Amazonasgebiet

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AUTOR: Amy GOODMAN

Übersetzt von Isolda Bohler

Ken Saro-Wiwa und Alberto Pizango lernten sich niemals kennen, aber sie verbindet die Leidenschaft zur Bewahrung ihres Volkes und Landes und der Eifer, mit dem sie von ihren jeweiligen Regierungen verfolgt wurden. Saro-Wiwa wurde am 10.November 1995 von der nigerianischen Regierung hingerichtet. Pizango wurde diese Woche von der peruanischen Regierung des Aufstands und der Rebellion angeklagt und vermied knapp die Festnahme, in dem er in die Botschaft von Nicaragua in Lima flüchtete. Nicaragua gestand ihm politisches Asyl zu. Zwei Indigene-Anführer – der eine lebt, der andere ist tot – , Pizango und Saro-Wiwa, zeigen, dass effektiver Widerstand des Volkes gegen die Macht der Korporationen persönliche Opfer kosten kann. Die Familie von Saro-Wiwa und die anderen Opfer erreichten gerade einen noch nie dagewesen gerichtlichen Entscheid bei einem Bundesgericht der USA, der einer dreizehn Jahre dauernden Schlacht gegen Shell Oil ein Ende setzt. Die Odyssee von Pizango beginnt soeben erst.

Peru und Nigeria liegen auf der Landkarte weit entfernt voneinander, aber beide sind reich an Bodenschätzen, nach denen die USA und andere Industrienationen lechzen.

Das Nigerdelta ist eines der einträglichsten Erdölvorkommen der Welt. Shell Oil begann dort 1958 mit der Erdölgewinnung. Kurze Zeit später erlitten die einheimischen Völker des Nigerdeltas der Verschmutzung ihrer Umwelt, die Zerstörung der Mangrovenwälder und die Erschöpfung der Fischvorkommen, die ihr Lebensunterhalt waren. Das von der Gasverbrennung erzeugte Flackern erhellte die ganze Zeit ihren Himmel, verpestete die Luft und verunmöglichte so Generationen, den Nachthimmel zu sehen. Die Plünderung, dem die überlieferte Erde der Ogoni im Nigerdelta unterworfen war, brachte Saro-Wiwa dazu, eine internationale, gewaltlose Kampagne gegen Shell anzuführen. Saro-Wiwa wurde wegen seinem Engagement von der nigerianischen Diktatur festgenommen, einem Scheinprozess unterworfen und mit acht anderen Ogoni-Aktivisten aufgehängt. Ich war 1998 im Nigerdelta und im Ogoniland, wo ich die Familie Kens kennenlernte. Sein Vater, Jim Wiwa, war nicht auf den Mund gefallen: „Shell war die erste Körperschaft, die die nigerianische Regierung benutzte, um unser Eigentum zu plündern, unsere Häuser niederzubrennen (…). Shell hat blutige Hände von der Ermordung meines Sohnes“.

Die Familien klagten gegen Shell Oil, beschuldigten sie der Beihilfe an den Hinrichtungen. Es wurde ihnen eine Audienz an einem US-Gericht bewilligt, kraft des Gesetzes über die Zivilverantwortlichkeit von Vergehen, die von Ausländern eingeklagt werden (Alien Torts Claim Act), das Ausländern erlaubt, an US-Gerichten Anklagen gegen einen Verbrecher zu präsentieren, wenn die Beschuldigungen wegen Kriegsverbrechen, Völkermord, Folter, oder wie im Fall der Neun Ogoni, Hinrichtungen aufgrund außergerichtlicher Schnellverfahren sind. Trotz der Anstrengungen von Shell für die Abweisung des Falls (Wiwa gegen Shell), wurde der Prozess vor zwei Wochen an einem Bundesgericht von New York angesetzt. Nach einigen Verzögerungen kam Shell zu der Übereinkunft, 15 ½ Millionen Dollar zu bezahlen.

Der Sohn von Saro-Wiwa, Ken Wiwa, sagte: „Jetzt haben wir die Möglichkeit einen Schlusspunkt unter die traurige Vergangenheit zu setzen und der Zukunft mit etwas Hoffnung entgegentreten, mit der Hoffnung, dass das, was wir hier taten, helfen wird, die Form zu verändern, in der die Unternehmen ihre Aktivitäten im Ausland sehen. Und wir hoffen, dass sich das Vertrauen herausbildet. Sie werden uns wieder sagen, dass wir uns auf die Notwendigkeit der Entwicklung der Leute konzentrieren müssen. Ich glaube, und hoffentlich ist es so, dass wir Zeichen setzten, Beispiel davon gaben, dass es mit genügend Engagement, mit Gewaltlosigkeit und dem Dialog möglich ist, anzufangen, eine Art kreatives Recht aufzubauen. Und wir hoffen, dass die Leute diese Zeichen aufnehmen und Druck ausüben, damit es ähnliche Beispiele der Gerechtigkeit gibt, damit die Gemeinschaften und alle verwickelten Teile an den Orten, in denen es Erdölproduktion gibt, gegenseitig von der Erdölproduktion einen Nutzen haben, anstatt Ausbeutung und Umweltbelastung zu schaffen“.

Die peruanische eingeborene Bevölkerung protestiert seit April auf friedliche Weise, mit Straßenblockaden, einer populären Taktik. Das sogenannte Abkommen über Promotion des Handels (Trade Promotion Agreement) USA-Peru ist das umstrittene Thema, denn es würde den Schutz des Bodens der Eingeborenen aufheben und den ausländischen Unternehmen Zugang zur Förderung der Bodenschätze gewähren.

Zeugen bestätigen, dass diese Woche Spezialkräfte der peruanischen Polizei ein Massaker an einer der Blockaden anrichteten. Alberto Pizango, der Anführer der nationalen Eingeborenenorganisation, die Interethnische Assoziation für Entwicklung des peruanischen Urwalds, klagte die Regierung des Präsidenten Alan García an, den Angriff befohlen zu haben: „Unsere Brüder dort sind umzingelt. Ich möchte die Regierung dafür verantwortlich machen. Machen wir die Regierung von Alan García für die Anordnung eines Völkermords verantwortlich. (…) Zu uns, den eingeberoenenVölkern, haben sie gesagt, dass wir gegen das System sind. Aber nein, wir wollen die Entwicklung, aber von unserer Perspektive aus, dass die Übereinkunft 169 erfüllt wird, in der es heißt, dass sie uns befragen müssen und diese Konsultationen wurden in Peru nicht gemacht. Ich fühle mich jetzt nicht nur verfolgt, sondern mein Leben ist in Gefahr, weil ich das Recht der Völker verteidige. Und nur wegen der Verteidigung meines legitimen Rechts, das die Völker besitzen, fühle ich mich jetzt verfolgt“.

Ken Saro-Wiwa sagte mir 1994, genau vor der Rückkehr nach Nigeria, „Was mich betrifft, ich bin ein gekennzeichneter Mann“. Alberto Pizango bot der mächtigen peruanischen Regierung und den Unternehmensinteressen, die diese Regierung repräsentiert, die Stirn. Pizango ist jetzt ein gekennzeichneter Mann, aber er ist weiterhin am Leben. Wird die internationale Gemeinschaft erlauben, dass er und das Indígena-Volk, das er repräsentiert, das selbe Schicksal erleiden, wie Ken Saro-Wiwa und das Ogoni-Volk?

__________
Denis Moynihan arbeitete an der Nachforschung dieser Kolumne mit.


Quelle: Democracy Now! “Two Men Who Stood Under the Plunderers’ Knives”

Originalartikel veröffentlicht am 9.6.2009

Über die Autorin

Isolda Bohler ist ein Mitglied von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=7853&lg=de

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Written by mohart

22. November 2009 um 19:46

Eine Antwort

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  1. Grundlegende Info zu democraty now!: Jenes Nachrichtenmagazin gibt es nun jeden Tag auf dem Sender „Okto.tv“ per Webstream zu sehen. Wirklich zu empfehlen!

    Lars

    14. Dezember 2009 at 15:04


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