Mohart's Blog

Informationen zu Fragen von Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft

Krieg in Afghanistan: Der große Durchmarsch

leave a comment »

von Norman Solomon

Innerhalb der Obama-Administration gibt es Streitereien, wie mit dem Krieg in Afghanistan weiter zu verfahren sei. Aktuell ist durchgesickert, dass der amerikanische Botschafter in Kabul, Karl Eikenberrry (ein ehemaliger Vier-Sterne-General) vor einer Truppenverstärkung warnt. Der afghanische Präsident Hamid Karsai enttäuscht die amerikanischen Politiker weiter. Das ist der aktuelle Stand der Debatte in unserem kriegsführenden Land.

Am 11. November fand im Weißen Haus ein Treffen auf höchster Ebene statt. Wie die Washington Post berichtete, wurden Präsident Obama „eine Reihe von Optionen der Militärplaner vorgelegt, die sehr unterschiedlich waren, was die Zahl der frisch zu entsendenden amerikanischen Soldaten betrifft. (Die Zahlen) reichen von 10 000 bis 40 000. Keines der Szenarien sah eine Verringerung der US-Präsenz in Afghanistan oder die Verzögerung zusätzlicher Truppenverlegungen vor“.

Ohne Zweifel gibt es einen Unterschied zwischen Eikenberry und dem US-Nato-Kommandeur in Afghanistan, General Stanley McChrystal. Letzterer ist ein ultra-ehrgeiziger, kluger, spartanischer Typ, der das aktuelle US-Truppenlevel in diesem kriegsgebeutelten Land am liebsten von heute 68 000 auf gut über 100 000 erhöhen möchte. Doch diese politischen Kontroversen finden im Kontext einer permanenten Psychologie des Krieges statt.

Wir brauchen dringend einen klaren Bruch mit dieser Psychologie, die uns regelmäßig „nettere, sanftere“ Formen eines endlosen, Horror-Krieges anbietet. Allerdings ist vorauszusehen, dass wir in den kommenden Tagen und Wochen erleben werden, dass einige Progressive – von Leuten aus der Graswurzelbasis bis hin zu solchen vom Kapitolshügel – in Richtung Eikenberrys Haltung tendieren werden.

Eine feinere Ausrichtung des US-Krieges in Afghanistan wäre jedoch kein Ersatz für die Anerkenntnis, dass es keine militärische Lösung gibt. Diese Anerkenntnis müsste in Worten und Taten erfolgen. Eine bloße Anpassung der Militärintervention (in Dosis und Mischung) wäre ein Rezept für noch enormeren Schaden.

In letzter Zeit widmet sich eine Sparte unserer Medien schwerpunktmäßig dem Schicksal der Soldaten, der Veteranen und ihrer Familien, die mit PTSD (Posttraumatisches Stresssyndrom) und anderen wirklich ergreifenden Folgen der Auslandseinsätze im Irak und Afghanistan zu kämpfen haben. Ein Schlüsselsatz der Regierung lautet: Wir müssen uns besser um die Veteranen kümmern, die aus den Schlachten mit Narben zurückkehren.

Diese Stories stellen die Fortführung der Kriege überwiegend nicht infrage. Sie sind Teil des großen Durchmarsches (Stampede). Doch so lange die einzigen Optionen, die vorgelegt werden, mit verbesserter Kriegsführung zu tun haben, werden die Männer und Frauen unseres Militärs als Menschen dargestellt, die auf höchst bewundernswerte Weise leiden (und dies bedeutet implizit, dass sie bereit sind, auch anderen Leid zuzufügen).

Das Leid des afghanischen Volkes hingegen findet in den US-Medien und in der politischen Debatte in Amerika nur sehr geringen Widerhall. Wir erfahren (leider noch zu wenig), dass Amerikaner auch noch Monate und Jahre nach ihrem Aufenthalt in einer Kriegszone unter Traumata leiden, aber wir erfahren fast nichts über die Traumata, die das US-Militär den Menschen, die in dem besetzten Land leben, zufügt.

Nach 30 Jahren des Krieges bräuchten die Afghanen etwas anderes als genialere Kriegsstrategien der neuen Besten und Klügsten in Washington.

Die große Stampede trampelt durch die Pennsylvania Avenue. Es fällt schwer, ihr zu widerstehen, und es gibt nur wenige Kongressmitglieder, die sich ihr direkt entgegenstellen wollen. Entsprechend brutal klingen die so genannten „ernsthaften“ politischen Argumente, die aus dem Weißen Haus kommen oder vom Kapitolshügel herunter – wenn es um das Thema ‚Krieg‘ geht.

In ihrer Ausgabe vom 12. November berichtet die Washington Post , dass Botschafter Eikenberry „sich frustriert gezeigt“ habe, „dass die Summen, die dieses Jahr für Entwicklung und Wiederaufbau in Afghanistan – einem Land, das durch drei Kriegsjahrzehnte ruiniert ist -, beiseite gelegt wurden, relativ ärmlich seien.“ Die Post fügt hinzu: „Zu Beginn des Sommers hatte er für 2010 $2,5 Milliarden für nichtmilitärische Zwecke beantragt. Das wären 60% mehr gewesen als das, was Obama vom Kongress einforderte. Doch die Forderung verzögert sich – obwohl die Regierung gleichzeitig über Ausgaben in Höhe von mehreren Milliarden Dollar für mehr Truppen debattiert“.

Die Obama-Regierung verwendet mehr als 90% aller US-Ausgaben in Afghanistan auf militärische Operationen. Doch was Eikenberry fordert, wäre nichts als ein Tropfen auf den heißen Stein – verglichen mit dem, was Afghanistan wirklich „für Entwicklung und Wiederaufbau“ braucht. Zudem ist die US-Regierung weder in der moralischen noch logistischen Position, um diese Hilfen effektiv bereitzustellen.

Der aktuelle Stand ist, dass die geringe Hilfe aus Washington in Afghanistan überwiegend im Rahmen der militärischen Operationen des Pentagon verwendet wird. Das wird zum großen Teil auch so wahrgenommen. Und das ist auch der Grund, weshalb die Projekte, die auf diese Weise entstehen, so oft von Aufständischen in die Luft gejagt oder niedergebrannt werden.

In einem kriegsgebeutelten Land wie Afghanistan – einem der ärmsten Länder der Welt – wäre effektive Hilfe durchaus möglich. Das National Solidarity Program und die Aga Khan Foundation sind die besten Beispiele für solche Erfolge. Leider sind sie traurig unterfinanziert. Das Ziel muss echte humanitäre Hilfe und Entwicklung sein – nicht Fotoreportagen, die die „Herzen und das Denken“ der Menschen gewinnen und die Militärkampagnen der Besatzer zusätzlich unterstützen.

Die aktuelle Debatte darüber, wie es mit dem Krieg in Afghanistan weitergehen soll, ist nicht mit einem Streit über Grundsätzliches zu verwechseln. Was ist falsch an der US-Intervention in Afghanistan? Das wäre eine grundsätzliche Frage.

 

Norman Solomon Norman Solomon ist ein amerikanischer Journalist, Medienkritiker und Antikriegs-Aktivist.

 

 

Orginalartikel: The War Stampede

Übersetzt von: Andrea Noll

Quelle: ZNet

Advertisements

Written by mohart

27. November 2009 um 06:50

Veröffentlicht in Geopolitik, Terror / Krieg

Tagged with , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: