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Israels berüchtigte Hannibal-Methode: Hinter den Schüssen auf einen geistig verwirrten Patienten verbirgt sich eine Direktive der Armee

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AUTOR: Jonathan COOK جونثان كوك

Übersetzt von Schattenblick

Die tödlichen Schüsse israelischer Soldaten auf einen Israeli, der Anfang dieser Woche versucht hatte, über einen Zaun zu steigen, um in den Gaza-Streifen zu gelangen, waren Berichten zufolge Teil einer drastischen Praktik der Armee, die schon vor mehreren Jahren hätte abgeschafft werden sollen. Israelische Medien berichteten, daß Yakir Ben-Melech, 34, verblutete, nachdem man auf ihn im Zuge der „Hannibal-Order“ geschossen hatte, die verhindern soll, daß Israelis lebend in die Hände feindlicher Truppen gelangen.

Photo reproduction: Michael Kramer
Yakir Ben-Melech. Bildreproduktion: Michael Kramer

Uri Avnery, ehemaliger israelischer Abgeordneter, Leiter von Gush Shalom, einer radikalen Friedensgruppe, und Kritiker dieses Verfahrens, definierte dessen Bedeutung als „Befreiung des Soldaten, indem man ihn tötet“.

Die umstrittene Direktive, die einst zu den am besten gehüteten Geheimnissen der Armee gehörte, entstand vor mehr als 20 Jahren, als die israelische Regierung im eigenen Land so unter Druck geraten war, daß sie im Austausch gegen drei gefangene Soldaten hunderte feindlicher Gefangener freilassen mußte. In genau solchen Verhandlungen steht Israel derzeit um Gilad Shalit, einen Soldaten, der seit mehr als drei Jahren von der Hamas in Gaza gefangengehalten wird. Laut Berichten könnte er in naher Zukunft durch eine Übereinkunft freikommen, von der man die Freilassung von mehreren hundert Palästinensern aus israelischen Gefängnissen erwartet.

Es war angenommen worden, daß Israel das Hannibal-Verfahren nach dem Rückzug seiner Besatzungsarmee aus dem Südlibanon im Mai 2000 eingestellt hat. Dennoch gibt es überzeugende Beweise dafür, daß die Methode auch danach weiter eingesetzt wurde, insbesondere während der Vorfälle, die zu den israelischen Angriffen auf den Libanon im Sommer 2006 geführt haben, und erneut im letzten Jahr, zur Zeit des israelischen Überfalls auf Gaza.

Die Familie von Ben-Melech glaubt, daß der Patient einer Nervenheilanstalt im nahegelegenen Ashkelon am vergangenen Montag in den frühen Morgenstunden den Versuch machen wollte, Sgt. Shalit zu retten. Die Armee erklärt, daß die Wachen, bevor sie ihn ins Bein schossen, mehrere Warnschüsse abgegeben hätten, als er in Richtung Gaza rannte. Mehrere israelische Militärkorrespondenten, die offensichtlich von der Armee informiert worden waren, berichteten, daß man sich im Fall Ben-Melechs auf die Hannibal-Order berufen hätte. Daß die Methode zum Einsatz gekommen ist, wurde auch von Zvika Fogel bestätigt, einem früheren, stellvertretenden Chef des Südkommandos, das auch Gaza einschließt.

Zum Radiosender ‚Reshet B‘ sagte er: „Die Hannibal-Methode ist definitiv die richtige Taktik. Wir können uns jetzt neben Gilad Shalit, nicht noch einen ‚Seelenverwandten‘ leisten.“

Die englischsprachigen Ausgaben israelischer Zeitungen haben allerdings – ein offensichtliches Zeichen für eine anhaltende Empfindlichkeit angesichts des Themas – die Methode nicht erwähnt. Die einzige, in englischer Sprache produzierte Zeitung Israels, die „Jerusalem Post“, hat eine Anspielung darauf aus einem früheren Bericht auf ihrer Website herausgenommen, und der Armeesprecher vermied es, Fragen danach zu beantworten, ob diese Praktik im Falle der Schüsse auf Ben-Melech zum Einsatz gekommen ist.

In späteren Erklärungen konzentrierte sich die Armee stattdessen auf die Bedrohung, die Ben-Melech angeblich dargestellt hätte. Einer ihrer Vertreter erzählte der größten Nachrichten-Website Israels, „Ynet“: „Die [Grenz]Wachen konnten nicht wissen, wer er war und fürchteten, daß sein versuchtes Eindringen Teil eines größeren Terroranschlags sein könnte.“ Ben-Melechs Schwägerin Ilanit erwiderte, daß der Bericht der Armee keinen Sinn ergebe. „Er rannte in Richtung Gaza, nicht in Richtung der Soldaten. Warum also schossen sie auf ihn?“

Die Hannibal-Order ist nur versehentlich ans Licht gekommen, 2003, als die Militärzensur des Landes den Fehler gemacht hatte, eine Bezugnahme darauf in einem Bericht zu belassen, der von der Tageszeitung Haaretz veröffentlicht wurde. In einer Fortsetzung enthüllte die Zeitung, daß die Direktive als Reaktion auf einen Handel formuliert worden ist, bei dem Israel 1986 im Austausch gegen drei Israelis mehr als 1.100 Palästinenser freigelassen hatte. Der derzeitige Oberbefehlshaber, Gabi Ashkenazi, gehört zu denen, die das Verfahren konzipiert haben. Die als umstrittenster Befehl in der Geschichte der israelischen Armee beschriebene Direktive besagt laut Haaretz, daß „ein toter Soldat besser ist als ein gefangener Soldat“. Berichten zufolge hat die Direktive damals einen Aufruhr in der Armee verursacht, da einige Kommandanten und Rabbis sie für unmoralisch hielten, wenn sie auch über viele Jahre hinweg nicht öffentlich erwähnt wurde.

Offiziell wurde der Befehl zum letzten Mal im Oktober 2000 ausgegeben, als die Hisbollah an der Grenze drei Soldaten gefangengenommen hatte – fünf Monate nachdem sich die israelischen Streitkräfte aus dem Süden des Libanon zurückgezogen hatten. Kampfhubschrauber beschossen ein Fahrzeug, in dem man die drei Soldaten vermutete. Die Leichen der Soldaten und ein gefangener israelischer Geschäftsmann wurden von der Hisbollah vier Jahre später im Tausch gegen die Freilassung von 400 Palästinensern und 35 arabischen Staatsangehörigen zurückgegeben.

Laut Haaretz wurde das Verfahren 2002 abgeschafft, einige Soldaten erklärten jedoch der Zeitung gegenüber, daß man sie aufgefordert habe, dem Befehl trotz seiner offiziellen Aufhebung Folge zu leisten. Zusätzlich zu den Schüssen auf Ben-Melech hat es noch eine Reihe weiterer Hinweise darauf gegeben, daß es nach wie vor in Kraft ist. Es sieht so aus, als habe man es herangezogen, als die Hisbollah im Sommer 2006 zwei israelische Soldaten an der libanesischen Grenze gefangengenommen hatte. Dieser Zwischenfall löste einen Angriff Israels auf den Libanon aus, der einen Monat andauerte.

Eitan Baron schrieb in einem Blog, daß man seinen Bruder Yaniv, einen 19 Jahre alten Panzerfahrer, im Rahmen einer „Hannibal“-Mission auf eine wilde Verfolgungsjagd der Hisbollah-Gruppe hinterhergeschickt hatte, die die zwei Soldaten gefangenhielt. Yaniv Baron und vier weitere Mannschaftsmitglieder starben, als der Panzer über eine Mine fuhr, und anschließend aus dem Hinterhalt, wie man allgemein vermutete, von der Hisbollah beschossen wurde. Laut Herrn Baron erklärte der Kommandant von Yanivs Bataillon der Familie nach seinem Tod, daß man sich auf das Verfahren berufen hatte. „Sie [die Mannschaft des Panzers] waren mit dem Verfahren vertraut und fuhren los, ohne zu überlegen,“ schrieb Herr Baron.

Weitere Enthüllungen über die Methode tauchten während der Operation „Gegossenes Blei“ im vergangenen Januar auf. Israelische Medien berichteten, daß israelische Soldaten, die nach Gaza geschickt wurden, angewiesen worden waren, ihre Festnahme koste es, was es wolle zu verhindern. Der Fernsehsender Kanal 10, zitierte einen Offizier des 501. Bataillons der Golani-Brigade, der sagte: „Um keinen Preis und in keiner Situation darf ein Truppenmitglied des 501. Bataillons gekidnappt werden, auch wenn das bedeutet, eine in seinem Besitz befindliche Granate zu sprengen, die ihn selbst und seine potentiellen Kidnapper tötet.“ Es wurde auch ein Offizier der Givati-Brigade zitiert, der die Hannibal-Methode anführte und hinzufügte: „Um keinen Preis werden wir zwei Gilad Shalits hinnehmen.“

Im Verlauf der Operation „Gegossenes Blei“ gab die Hamas an, bei zwei Gelegenheiten Soldaten gefangengenommen zu haben, die jedoch zusammen mit den Hamas-Kämpfern durch Luftangriffe der israelischen Armee getötet wurden. Von drei israelischen Soldaten wurde berichtet, sie seien bei Zwischenfällen durch Feuer aus den eigenen Reihen getötet worden. Eine Anzahl von Palästinensern, Kinder eingeschlossen, wurde von der israelischen Armee erschossen, als sie dem Grenzzaun zu nahe kamen, der Gaza umgibt. Israel verkündete im letzten Jahr, daß jeder Palästinenser erschossen werde, der eine sich über mehrere hundert Meter erstreckende Sperrzone innerhalb des Zaunes betrete.

zur Information:
[1] Haaretz: Israel border guards kill Israeli civilian trying to enter Gaza – By Haaretz Service
http://www.haaretz.com/hasen/spages/1133336.html
Last update – 09:03 07/12/2009 (letzter Zugriff: 23.12.2009)
[2] Jerusalem Post: Israeli man shot, killed, after trying to cross into Gaza – By JPOST.COM STAFF
http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1259831478029&pagename=JPost/JPArticle/ShowFull
Dec 7, 2009 7:27 / Updated Dec 7, 2009 8:16 (letzter Zugriff: 22.12.2009)
[3] Haaretz: The Hannibal Procedure – By Sara Leibovich-Dar
http://www.haaretz.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=295598
Last update – 00:00 21/05/2003 (letzter Zugriff: 23.12.2009)
[4] Jerusalem Post: Analysis: Israel’s hostage complex – By ANSHEL PFEFFER
http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1150885850663&pagename=JPArticle%2FShowFull
Jun 26, 2006 7:48 / Updated Jun 26, 2006 14:59 (letzter Zugriff: 22.12.2009)


Quelle: The NationalIsraelis shot mental patient ‚under controversial military directive‘

Originalartikel veröffentlicht am 9.12.2009

Über den Autor

Schattenblick ist ein Partner von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, der Übersetzer als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9743&lg=de

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Written by mohart

15. Januar 2010 um 15:52

Veröffentlicht in Naher Osten

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