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Haiti: Botschaft der Hoffung und Solidarität

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AUTOR:  Jean-Bertrand ARISTIDE

Übersetzt von  Susanne Schuster, kommentiert von Samy Yildirim

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Wir danken allen echten Freunden Haitis, vor allem der südafrikanischen Regierung und Bevölkerung für ihre Solidarität mit den Opfern in Haiti.

Die von Rescue South Africa und Gift of Givers geleistete konkrete Hilfsaktion ist ein klarer Ausdruck von Ubuntu. Ubuntu ngumuntu ngabantu1. Uns allen ist bekannt, dass noch viele Menschen, die unter tonnenschweren Trümmern und Geröll vergraben sind, auf ihre Rettung warten. Wenn wir an ihr Leiden denken, dann fühlen wir in unserem tiefsten Innern, dass wir dort, in Haiti, bei ihnen sein sollten, um so gut wir können Leben zu retten.

Um diese Bereitschaft zu symbolisieren, haben wir uns entschlossen, nicht an irgendeinem Ort, sondern hier, im Schatten des Oliver Tambo International Airport in Johannesburg zusammenzukommen. Was uns betrifft, so sind wir bereit, heute, morgen oder jederzeit abzureisen, um uns mit den Menschen in Haiti zu vereinigen, um ihr Leiden zu teilen, um beim Wiederaufbau des Landes zu helfen, damit aus der Hölle ein Leben in würdiger Armut wird. Freunde aus der ganzen Welt haben ihre Bereitwilligkeit bestätigt, ein Flugzeug mit medizinischem und Notbedarf und uns selbst an Board, zu organisieren.

Während wir es kaum erwarten können, bei unseren Schwestern und Brüdern in Haiti zu sein, teilen wir den Schmerz aller Haitier in der Diaspora, die verzweifelt darauf warten, ihre Familien und Angehörigen zu erreichen.

Soufrans youn nan nou se soufrans nou tout [Wenn einer von uns leidet, leiden wir alle*].

L’Union fait la force. Kouraj! Kenbe! Kenbe! [Stärke durch Einheit. Mut! Macht weiter!*].

Youn soutni l’t nan lespri M’m Amou an [Einer unterstützt den anderen im Geist gegenseitiger Liebe*].

Unsere Liebe gilt der Nation, die nun als die ärmste der westlichen Hemisphäre bezeichnet wird. Doch der Ubuntu-Geist, der einst dazu geführt hatte, dass aus Haiti im Jahr 1804 eine der ersten unabhängigen schwarzen Nationen wurde, Venezuela, Kolumbien und Ecuador dabei half, die Freiheit zu erlangen und unsere Vorfahren dazu inspirierte, ihr Blut für die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten zu vergießen, wird nie sterben.

Ukwanda kwaliwa umthakathi [Danke, dass Du bei uns bist – auf Xhosa*].

Vielen Dank

1Ubuntu ngumuntu ngabantu = Eine Person ist eine Person durch andere Personen. Oder: Ich bin, was ich bin durch Dich.

* Anmerkungen von Tlaxcala


Rückblick

Die europäische Übersee-Expansion, die Anfang des 15. Jahrhunderts begann, hatte zum Ziel, die Menschen in anderen Erdteilen für die Krise der Europäer zahlen zu lassen. (Hört sich bekannt an, oder nicht?)

Im Jahr 1441 erklärte der Papst, es würde der christlichen Lehre der Bibel entsprechen, wenn christliche Seefahrer aus Europa nach Afrika segelten und Afrikaner als Sklaven „mitnahmen“. Er „rechtfertigte“ dies mit einer Textpassage aus der Bibel: „Fluch und Segen“ (Genesis 9, 18 – 29).

Der erste christliche Seefahrer, der genau dies tat, war ein Portugiese (was keinen überraschen wird, der sich mit diesem Teil der Weltgeschichte auskennt): Nuno Tristão (1443). Er kam zurück mit 29 Sklaven. Im darauffolgenden Jahr 1444 unternahmen 5 (!) portugiesische Kapitäne diese Reise und kamen zurück mit 222 Sklaven. Mit diesen Reisen begann die moderne Sklaverei. Und Europa erholte sich allmählich von der Universalkrise des 15. Jahrhunderts.

Später fanden die Portugiesen – nachdem sie jahrzehntelang vergebens danach gesucht hatten – den Seeweg nach Indien. Damit wurde es für sie möglich, Afrika – und die muslimische Welt – zu umsegeln, und infolgedessen konnten sie das Monopol der Araber auf den West-Ost-Handel auf dem ganzen Kontinent brechen.

Die Entdeckung Amerikas eröffnete eine weitere illegale Einkommensquelle für die europäischen Mächte. Die amerikanischen Ureinwohner wurden getötet (der größte Genozid in der Geschichte der Menschheit) und durch Afrikaner ersetzt.

Natürlich versuchten die amerikanischen Ureinwohner und afrikanischen Sklaven gegen ihre europäischen “Herren” zu kämpfen und manchmal gelang es ihnen, sich miteinander zu verbünden. Die sogenannten afro-amerikanischen Religionen zeigen diese Kooperation: sie haben sowohl amerikanische als auch westafrikanische Einflüsse.

Die Afrikaner wurden vor allem entlang der afrikanischen Westküste entführt und die Mehrheit von ihnen stammte aus Völkern, die Dialekte der Yoruba-Sprache sprachen. Dies erklärt auch den anderen Fachbegriff: die verschiedenen Facetten der weltweiten Yoruba-Religion.

Nach Marianne Lehmanns Auffassung sind diese Religionen spirituelle Waffen im Kampf für Freiheit: “Wenn man kämpfen muss, braucht man eine Waffe. Wenn man keine sichtbaren Waffen hat, nimmt man unsichtbare.“ Dies trifft nicht nur auf Voodoo und Haiti zu, (Marianne Lehmann lebt seit 1957 in Port-au-Prince und hat Jahre damit zugebracht und dafür ihr Erbe ausgegeben, die weltweit größte Sammlung von Voodoo-Gegenständen aufzubauen) sondern auch auf die anderen Regionen des amerikanischen Kontinents.

Was aus Haiti einen besonderen Fall macht, ist die Tatsache, dass es die haitischen Sklaven schafften, die Kolonialherrschaft und Sklaverei der Franzosen aus eigener Kraft zu beenden. Niemand half ihnen dabei. Ihre spirituelle Waffe war Voodoo – dies erklärt, warum die Menschen in Nordamerika und Europa so viele schlimme Dinge über Voodoo gehört haben.

Haitis Nationalhelden sind:

Padre Jean (Voodoo-Priester und Führer des Aufstandes 1676 bis 1679),

François Mackandal (Voodoo-Priester und Führer des Aufstandes 1751 bis 1758, der beinahe geglückt wäre),


Dutty Boukman
(Voodoo-Priester und Hauptzelebrierer der Voodoo-Zeremonie in Bois-Caïman im August 1791, die den großen Aufstand in Gang setzte, der schließlich in Erfolg mündete),


Toussaint Louverture
(militärischer Führer des großen Aufstandes, der von den Franzosen am 7. Juni 1802 gefangengenommen wurde) und


Jean-Jacques Dessalines
(sein engster Verbündeter, der an dessen Stelle trat und die Arbeit zu Ende führte).

Doch, wie Friedrich Schiller seinen “Wilhelm Tell” sagen lässt: “Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Frankreich und Spanien begannen im Jahr 1804 einen Boykott gegen Haiti und die USA taten es ihnen 1806 gleich. Wir müssen unser Augenmerk auch auf die Tatsache legen, dass es Haitier gab, die Dessalines nicht folgten. Nach seiner Ermordung (am 17. Oktober 1806) war Haiti zwischen zwei rivalisierenden Gruppen von Führern gemischter Abstammung gespalten.

Jean-Pierre Boyer (1774-1850, Haitis Präsident von 1818 bis 1843) führte Haiti wieder zusammen, aber er gehörte zu jenen Haitiern, die bessere Beziehungen mit den Europäern wollten.

Im Jahr 1825 sandte der französische König eine aus 14 Schiffen bestehende Flotte nach Haiti. Dessalines hatte dies vorausgesehen und versucht, eine Miliz aufzustellen. Nach seiner Ermordung wurden diese Pläne fallengelassen. Statt die Haitianer zu den Waffen zu rufen und gegen Frankreich zu kämpfen (Napoleon hatte übrigens eine Flotte geschickt, um den Aufstand zu beenden, doch seine Männer erlitten eine Niederlage), unterschrieb Boyer einen Vertrag mit Frankreich, mit dem der französische Boykott gegen Haiti zwar beendet wurde, (Spanien folgte Frankreich im Jahr 1825, während die USA den Boykott erst 1862 beendete – also könnte man sagen, dass die gegenwärtige 50-jährige Blockade gegen Kuba Tradition hat!) doch Haiti wurde dazu gezwungen, 90 Millionen Francs (!) in Gold (!) an Reparationen zu bezahlen (für den Verlust von Kolonie und Sklaven). [Das Opfer musste Entschädigung zahlen!] Damit wurde dem Haushalt und der weiteren Entwicklung Haitis bis 1947 eine enorme Last aufgebürdet!

Es wird uns nunmehr kaum überraschen, zu hören, dass Boyer im Jahr 1835 einige Gesetze unterzeichnet hat, die sehr lange Zeit galten. Er erklärte Französisch zur einzig gültigen Sprache und den Katholizismus zur einzig gültigen Religion. Voodoo wurde als Aberglaube verteufelt. Diese Gesetze blieben gültig bis 1987. Dadurch wurde Jean-Pierre Boyer zum ersten der Dritte-Welt-Diktatoren, die ihre eigenen Völker verrieten, um Freunde und Ansehen im Westen zu gewinnen.

Im Jahr 1843 wurde Boyer zum Rücktritt gezwungen. In den darauffolgenden fünf Jahren versuchte er mehrmals, wieder an die Macht zu gelangen, doch vergebens. 1848 verließ er Haiti schließlich für immer – er ging nach Frankreich, wo er zwei Jahre später starb und begraben wurde. In Haiti will ihn keiner zurück.

Jean-Bertrand Aristide ist sicherlich kein Mann, der mit den Nationalhelden Haitis verglichen werden kann, doch er ist bei weitem besser als viele andere. Aristide hat wiederholt verkündet, dass die USA, Frankreich und die anderen Länder des globalen Westens die unterentwickelten Länder sind – „zumindest im Hinblick auf menschliche Werte“. Aristide ging sogar noch weiter und bezeichnete Boyer wiederholt als Verräter und verlangte von Frankreich, Haiti das Geld zurückzugeben, „dass es mit dem Zutun des Verräters von uns gestohlen hat“.

Wenn Sie dem zustimmen, dann werden Sie sich nicht wundern, wenn Aristide von niemandem in den westlichen Massenmedien erwähnt wird.


Samy Yildirim


Quelle: Haity.net & Tlaxcala

Originalartikel veröffentlicht am 15.1.2010

Über den Autor

Samy Yildirim und Susanne Schuster sind Mitglieder von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9867&lg=de

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Written by mohart

27. Januar 2010 um 06:27

Veröffentlicht in Lateinamerika

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