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Marya und Orel – gute Nachbarn

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AUTOR: Ethan BRONNER

Übersetzt von Ellen Rohlfs

Jerusalem – Er kann recht impulsiv sein. Sie ist ein bisschen herrschsüchtig. Seit fast einem Jahr leben sie Tür an Tür. Sie reden mit einander, sehen zusammen fern und erforschen gemeinsam die Welt, besuchen einander in den Wohnungen ohne weiter darüber nachzudenken. Sie liebt das Auberginengericht seiner Mutter. Er mag das Reis- mit- Lammgericht ihres Vaters.

Freundschaft beginnt oft mit Nähe; aber Orel und Marya, beide acht, sind auf sehr seltene Weise auf einander gestoßen: Ihr Spielplatz ist der Gang eines Krankenhaus. Er ist israelisch-jüdisch, der von einer Hamasrakete schwer verletzt wurde. Sie ist palästinensische Muslimin aus dem Gazastreifen und wurde von einer israelischen Rakete gelähmt. Irgendjemand hat vergessen, ihnen zu sagen, dass sie Feinde sind.

„Er ist ein ungezogener Junge“, sagt Marya gern über Orel mit dankbarem Lächeln, wenn er ein bisschen wild wird.

Als Orel vor einem Jahr hierher kam, konnte er weder hören, noch sehen, noch reden oder gehen. Jetzt kann er alles ein wenig. Sein halbes Gehirn ist weg. Die Ärzte waren sehr pessimistisch, ob er überleben wird. Heute wundern sie sich über seine Fortschritte, auch wenn noch unklar ist, ob er es noch weitere Fortschritte machen wird.


Marya und Orel

Maryas Wirbelsäule war am Hals gebrochen und sie kann nur ihren Kopf bewegen, sie ist klug, fröhlich und hat einem starken Willen; sie bewegt ihren Rollstuhl, indem sie einen Knopf mit ihrem Kinn drückt. Nichts entgeht ihrem Blick. Sie weiß, dass Orel jetzt lieber mit Jungen spielt und sie macht Platz. Aber ihre freundschaftlichen Bande bleiben stark.

Eine Freundschaft zwischen zwei verletzten Kindern mit sehr verschiedenem, ja feindseligem Hintergrund ist nicht überraschend. Keiner von beiden versteht den langen Kampf wegen Land und Identität, der die Menschen hier trennt. Sie sind Kinder und sie spielen.

Aber für jene, die im Alyn-Krankenhaus ihnen begegnen, ist es besonders erstaunlich, ihre Eltern zu beobachten, die sehr wohl wissen, was um sie herum los ist. Sie verhalten sich wie Freunde, ja als wären sie Verwandte – und besiegen jeden nationalen Kampf.

„Die Wunden unserer Kinder, ihre Schmerzen, unsere Schmerzen haben uns zusammengebracht“, bemerkt Angela Elizarov, Orels Mutter, als sie neulich in einem Zimmer, das sie mit ihrem Sohn teilt, an seinem Bett saß. Im Zimmer daneben liegt Marya, mit ihrem 6-jähriger Bruder Momen und ihrem Vater Hamdi Aman. „Macht es etwas aus, dass er vom Gazastreifen kommt und ich von Beersheba, dass er Araber ist und ich Jüdin? Für mich ist das unwichtig. Er sieht mein Kind und ich sehe sein Kind.“


Angela Elizarov brachte ihrem Sohn Orel, 8 Jahre, das Alphabet in diesem Monat bei. Orel verlor die Hälfte durch eine Rakete in Beerscheba.

Es war zwei Wochen nach Beginn des Krieges im Gazastreifen voriges Jahr, als Orel getroffen wurde. Nach Tagen in einem Luftschutzkeller nahm ihn seine Mutter in den PKW. Als sie um Beersheba fuhren, fing die Sirene an und warnte vor einer ankommenden Rakete. Sie stieß Orel auf den Boden und legte sich schützend über ihn. Als sie die Explosion in der Ferne hörte, stand sie auf – im Glauben, die Gefahr sei vorbei. Doch eine zweite Granate explodierte. Sie sah dann den Kopf ihres Sohnes sehr bluten.

Sie winkte einem vorbeifahrenden Wagen, der sie ins Krankenhaus brachte, wo sie selbst als Krankenschwester arbeitet.

„Ich sah, wie sein Gehirn herausquellte und alles rund um mich blutete, und ich hatte nicht einmal einen Kratzer“, erinnert sie sich . Als ich in die Notaufnahme kam, sagte ich zum Arzt: „Ihr könnt mir nichts vormachen, ich weiß, er hat kaum eine Chance zu überleben. Der Arzt schaute weg. Aber nach sechs Operationen macht er nun wirklich Fortschritte. Gott nahm mir meinen Sohn, aber er hat mir einen anderen Sohn gegeben. Vor einem Jahr war er der Beste seiner Klasse in Sport, der Beste in Mathe. Nun muss er wieder sprechen und gehen lernen.“

Ihr Mann Avrel, der mit Kindern arbeitet, verbringt viel Zeit zu Hause mit ihrer 18 Monate alten Tochter, kommt aber oft vorbei. Das Paar ursprünglich aus Aserbeidschan war jahrelang kinderlos und Orels Geburt schien wie ein Wunder. Ihr Krankenhausnachbar H. Aman ist ein 32jähriger Bauarbeiter aus dem Gazastreifen. Er kümmert sich nicht nur um seine eigenen beiden Kinder sondern hilft auch Orel. Er wird als leuchtendes Vorbild angesehen, als Inspiration für das Arbeitsteam, für die Freiwilligen und die Eltern der kranken Kinder.

Das hängt auch mit seiner persönlichen Geschichte zusammen.

Vor mehr als drei Jahren kauften H. Aman und sein Onkel ein Auto und teilten sich die Kosten und fuhren los. Mit ihnen im Wagen saßen noch Amans Frau, ihre drei Kinder und seine Mutter.

Über ihnen flog ein israelischer Kampfjet mit einem Mordauftrag, der sein Ziel suchte: ein militanter Führer mit Namen Ahmad Dahduh. Zwei Raketen wurden auf dessen Wagen abgeschossen, als er gerade an H. Amans Wagen vorbeifuhr. H. Amans ältester Sohn, seine Frau und seine Mutter wurden getötet. Marya wurde aus dem Wagen geschleudert.

Er und seine beiden Kinder sind fast die ganze Zeit im Alyn-Krankenhaus gewesen, das sich auf junge Menschen mit schweren Behinderungen spezialisiert hat. Die israelische Regierung, die sie für die erste Hilfe hierher gebracht hat, wollte ihn und seine Kinder nach Gaza oder auf die Westbank bringen. Doch da die Medien auf sie aufmerksam machte, bildete sich ein ganze Schar von Freiwilligen, die sich für sie einsetzten. Marya würde weder im Gazastreifen noch auf der Westbank überleben. Die Regierung hat nachgegeben und unterstützt H. Aman mit einem Minimumlohn und zahlt für Marya, damit sie in eine arabisch-hebräische Schule in der Nähe gehen kann …

Freiwillige, die hier helfen, sind oft religiöse Juden, die hier ihren Zivildienst machen. Einige fragen, wie er unter Leuten leben könne, die seine Familie zerstört haben.

„Ich habe nie einen Unterschied zwischen den Menschen gespürt, ob sie nun Juden, Muslim oder Christen sind. Wir sind alles Menschen“, sagte er. Ich habe jahrelang in Israel gelebt, auch mein Vater. Es geht nicht darum , was du bist, sondern wer du bist. Und das habe ich meinen Kindern beigebracht.

H. Amans Krankenzimmertür ist selten geschlossen. Asher Franco, ein israelischer Jude aus Beit Shemesh, der wegen einer Behandlung seiner Tochter seit sechs Monaten ins Krankenhaus kommt, war vor kurzem sein Besucher. Sie begrüßen sich herzlich. Ein früherer Handwerker und ein früherer Kampfsoldat: sie wurden nach ihrer Freundschaft gefragt.

„Ich wurde total als zionistischer Rechter erzogen“, sagte er. “Man sagte uns, dass die Araber uns töten wollen. Aber ich lebte in einer Fantasiewelt. Hier im Krankenhaus sind alle meine Freunde Araber.“ Frau Elizarov, Orels Mutter bemerkte, dass an Orten wie im Alyn-Krankenhaus, politische Spannungen nicht bestehen. Dann sagte sie: „Müssen wir leiden, um zu lernen, dass es zwischen Juden und Araber keinen Unterschied gibt.“


Hamdi Aman, rechts, beobachtet seine Tochter Marya und seinen Sohn Momen im Alyn-Krankenhaus.

Quelle: New York Times

Bilder von Rina Castelnuovo für The New York Times

Originalartikel veröffentlicht am 31.12.2009

Über den Autor

Ellen Rohlfs ist eine Mitarbeiterin von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor, die Übersetzerin als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9866&lg=de

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Written by mohart

31. Januar 2010 um 11:24

Veröffentlicht in Naher Osten

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