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Ich erhebe meine Stimme

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von Malalai Dschoja

Dieser Artikel ist im Original mit Hilfe von Derrick O’Keefe entstanden.

‚A Woman Among Warlords: The Extraordinary Story of an Afghan Woman to Raise Her Voice‘ von Malalai Joya (Dschoja) und Derrick O’Keefe (Scribner-Verlag, 2009). Auf Deutsch erschienen: ‚Ich erhebe meine Stimme‘ Malalai Joya (2009).

Ich komme aus einem tragischen Land. Es heißt Afghanistan.

Mein Leben hat einige außergewöhnliche Wendungen genommen, und doch ist meine Geschichte in vielerlei Hinsicht die Geschichte meiner Generation. Ich bin 30 Jahre alt. Schon seit ich geboren wurde, leidet mein Land unter der Geißel des Krieges. Die meisten Afghanen meines Alters – oder jüngere –  kennen Blutvergießen, Besatzung und Vertreibung. Als ich noch ein Baby in den Armen meiner Mutter war, marschierten die Sowjets in mein Land ein. Als ich vier Jahre alt war, sah sich meine Familie gezwungen, in den Iran zu flüchten. Später lebten wir in Pakistan. Millionen Afghanen wurden getötet oder ins Exil getrieben. Meine Familie floh in den von kriegsgebeutelten 80ger Jahren. Als die Russen abzogen und ihr Marionettenregime gestürzt wurde, sahen wir uns mit einem furchtbaren Bürgerkrieg zwischen  fundamentalistischen Kriegsherren konfrontiert. Dann kam die Herrschaft der rückschrittlichen, mittelalterlichen Taliban.

Nach der Tragödie vom 11. September 2001 und dem darauf folgenden Sturz der Taliban glaubten viele Afghanen, endlich ein wenig Licht am Ende des Tunnels zu sehen – Zukunft und ein gewisses Maß an Gerechtigkeit. Doch es sollte nicht sein. Wieder einmal wurde das afghanische Volk betrogen – diesmal von jenen, die behaupteten, ihm helfen zu wollen. Mehr als sieben Jahre sind seit der US-Invasion vergangen. Noch immer sehen wir uns mit einer ausländischen Besatzung konfrontiert und mit einer von den USA gestützten Regierung, voller Kriegsherren, die nicht besser sind als die Taliban. Anstatt diese ruchlosen Killer für ihre Kriegsverbrechen vor Gericht zu bringen, haben die USA und ihre Verbündeten sie mit mächtigen Ämtern ausgestattet, so dass sie einfache Afghanen weiter terrorisieren können.

Vielleicht schockt es Sie, das zu hören – denn die Wahrheit über Afghanistan wird versteckt hinter Rauchschwaben aus Worten und Bildern, die die USA und deren Nato-Verbündete sorgfaltig geschaffen haben, häufig unkommentiert von den westlichen Medien. Vielleicht haben Sie sich einreden lassen, dass – gleich nach dem Sturz der Taliban -, die Gerechtigkeit einzog in Afghanistan. Afghanische Frauen wie ich, die wählen gehen und sich selbst wählen lassen, müssen als Beweis herhalten, dass das amerikanische Militär Afghanistan die Demokratie und den Frauen die Frauenrechte gebracht hat. Doch das alles ist Lüge. Man streut der Welt Sand in die Augen.

Ich bin das jüngste Mitglied des Afghanischen Parlamentes. Doch mein Abgeordnetensitz wird mir verwehrt. Man hat mich mit dem Tod bedroht. Warum? Weil ich die Wahrheit sage – über die Kriegsherren und die Kriminellen in der Marionettenregierung von Hamid Karsai. Ich habe mindestens fünf Attentate – und unzählige geplante Anschläge – überlebt. Aus diesem Grund bin ich gezwungen, im eigenen Land als Flüchtling zu leben. Ein Onkel, dem ich vertraue, managt die Details, was meine Leibwächter angeht. Wir ziehen von Haus zu Haus – fast jede Nacht – um den Feinden immer einen Schritt voraus zu sein.

Um meine Identität zu schützen, muss ich mich unter einem dieser schweren Tücher – Burka genannt – verbergen. Für mich ist die Burka ein Symbol der Unterdrückung der Frau. Es ist wie ein Leichentuch für den lebendigen Leib. Selbst während der dunklen Zeit der Taliban war es mir zumindest möglich, nach draußen zu gehen und in Geheimschulen Mädchen zu unterrichten. Heute fühle ich mich selbst unter der Burka nicht mehr sicher – nicht einmal in Begleitung der Bodyguards. Besucher werden nach Waffen durchsucht. Selbst die Blumen bei meiner Hochzeit wurden nach Bomben durchsucht. Ich kann Ihnen meinen Familiennamen nicht nennen – auch nicht den Namen meines Ehemannes – weil ich sie dadurch in höchste Gefahr bringen würde. Aus diesem Grund verwende ich in diesem Buch unterschiedliche Namen. Den Namen ‚Joya‘ (Dschoja) legte ich mir zur Zeit der Taliban als mein Alias zu. Damals war ich Untergrundaktivistin. Der Name Joya hat in unserem Land große Bedeutung. Es gab einmal einen berühmten afghanischen Schriftsteller und Poeten namens Sarwar Joya. Er lebte im Zwanzigsten Jahrhundert. In den 20ger Jahren setzte er sich für die Verfassung ein und kämpfte gegen Unrecht. Fast 24 Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis. Weil er seine demokratischen Prinzipien nicht opfern wollte, töteten sie ihn.

Das kann ich nachempfinden. Auch ich weigere mich, meinen Widerstand gegen die Warlords und die Fundamentalisten aufzugeben oder sie mit weniger harschen Worten anzugreifen. Vielleicht werde ich eines Tages, so wie Joya, auf der langen Liste der Afghanen zu finden sein, die für die Freiheit gestorben sind. Wenn es um die Wahrheit geht, gilt es, keine Kompromisse zu machen. Ich fürchte mich nicht vor einem frühen Tod – sollte er dazu beitragen, die Sache der Freiheit voranzubringen. Selbst das Grab wird mich nicht zum Schweigen bringen, denn andere werden die Sache für mich weiter vertreten. Das Traurige an Afghanistan ist, dass die Ermordung einer Frau hier wie das Töten eines Vogels ist. Die USA haben versucht, ihre Besatzung rhetorisch zu rechtfertigen und sprachen von der „Befreiung“ der afghanischen Frauen. Dabei sind wir in unserem Land noch immer eingesperrt wie in einem Käfig. Wir haben keinen Zugang zum Recht und werden nach wie vor von frauenfeindlichen Kriminellen regiert. Die Fundamentalisten predigen nach wie vor, die „Frau gehört in ihr Haus oder ins Grab“. An vielen Orten ist es für eine Frau immer noch gefährlich, sich unverschleiert in der Öffentlichkeit zu zeigen oder ohne einen männlichen Verwandten auf die Straße zu gehen. Jeden Tag kommt es zu Vergewaltigungen, die nicht geahndet werden.

Unser Leben in Afghanistan ist kurz und oft durch Gewalt, Verlust und Angst geprägt. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Die Lebenserwartung liegt unter 45 Jahren. Im Westen würde man von der ‚mittleren Lebensphase‘ sprechen. Wir leben in verzweifelter Armut. Es ist unglaublich: 70% der afghanischen Bevölkerung leben von weniger als 2 Dollar am Tag. Laut Schätzungen sind etwas mehr als die Hälfte aller afghanischen Männer und 80 Prozent der Frauen Analphabeten. In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich Hunderte Frauen selbst verbrannt – sie haben sich buchstäblich verbrannt, bis sie tot waren. Auf diese Weise wollten sie ihrem Elend entrinnen.

Das ist der geschichtliche Hintergrund, vor dem sich mein Leben abspielt und die tragische aktuelle Situation. Gemeinsam mit vielen anderen arbeite ich daran, Veränderungen zu bewirken. Ich bin nicht besser als meine leidenden Landsleute, aber die Geschichte und mein Schicksal wollten es so, dass ich in gewisser Weise zu einer „Stimme der Stimmlosen“ geworden bin. Mit ‚Stimmlosen‘ meine ich die vielen tausend Afghanen, die Jahrzehnte des Krieges und der Ungerechtigkeit ertragen mussten.

Seit Jahren drängen mich meine Unterstützer, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Ich wollte es nie, weil es mir unangenehm ist, über mich selbst zu schreiben. Ich habe das Gefühl, meine Geschichte sei nicht wichtig. Schließlich überzeugten mich meine Freunde, das Buch in Angriff zu nehmen – denn es gibt mir die Möglichkeit, über das Elend des afghanischen Volkes zu schreiben (aus der Perspektive einer Frau aus der afghanischen Kriegsgeneration). Ich war einverstanden, meine persönlichen Erfahrungen einfließen zu lassen, um über die politische Geschichte Afghanistans schreiben zu können. Der Fokus meines Buches liegt auf den letzten drei Jahrzehnten – auf der repressiven Misswirtschaft. Ich schreibe über meinen gefährlichen Wahlkampf, als es mir darum ging, das arme Volk in meiner Provinz zu vertreten. Ich schreibe über die physischen und verbalen Angriffe, denen ich ausgesetzt war, als ich schließlich Parlamentsabgeordnete wurde. Ich schreibe über die gemeine und illegale Intrige, die mich mein Abgeordnetenposten kostete. Dies hat vor allem ein Licht auf jene Korruption und Ungerechtigkeit geworfen, die verhindern, dass Afghanistan eine echte Demokratie werden kann. So gesehen schreibe ich nicht nur meine eigene Story sondern auch die meines kämpfenden Volkes.

Nach dem 11. September wurden viele Bücher über Afghanistan geschrieben. Doch nur Wenige bieten ein umfassendes und realistisches Bild über die Vergangenheit dieses Landes. Die meisten Bücher zum Thema setzen sich eingehend mit der Brutalität und der Ungerechtigkeit des Taliban-Regimes auseinander, während sie meist versuchen, eine der dunkelsten Perioden unserer Geschichte zu ignorieren oder zu verhehlen. Damit meine ich die Herrschaft der fundamentalistischen Mudschaheddin (1992 – 1996). Ich hoffe, mein Buch wird die Aufmerksamkeit stärker auf die Gräuel dieser Warlords lenken, denn es diese Männer, die heute das Karsai-Regime dominieren.

Ich hoffe auch, dass mein Buch dazu beitragen wird, die unglaubliche Menge an Fehlinformationen über Afghanistan, die sich überall verbreitet haben, zu korrigieren. In den Medien werden die Afghanen manchmal als Hinterwäldler dargestellt – alle seien Terroristen, Kriminelle, Bandenmitglieder. Dieses falsche Bild ist extrem gefährlich – sowohl für die Zukunft meines Landes als auch für den Westen. In Wahrheit sind die Afghanen mutige, freiheitsliebende Menschen mit einer reichen Kultur und einer stolzen Geschichte. Wir sind durchaus in der Lage, unsere Unabhängigkeit selbst zu verteidigen, uns selbst zu regieren und unsere Zukunft selbst zu bestimmen.

Afghanistan wurde lange als ‚tödliches Spielfeld‘ im „Todesspiel zwischen den Supermächten‘ benutzt – angefangen vom Britischen Imperium über das Sowjetreich bis hin zu Amerika und seinen Verbündeten in heutiger Zeit, die versuchen Afghanistan zu beherrschen, indem sie es spalten. Schurken, Kriegsherren und Fundamentalisten gaben sie Geld und Macht. Diese Schurken haben die Menschen in schreckliches Elend getrieben. Doch wir wollen nicht missbraucht und nicht falsch gegenüber der Welt vertreten werden. Wir brauchen Sicherheit und eine helfende Hand (von Menschen) rund um die Welt – aber nicht diesen „Krieg gegen den Terror‘ unter Führung der USA. Dieser Krieg ist im Grunde ein Krieg gegen das afghanische Volk. Das afghanische Volk besteht nicht aus Terroristen. Wir sind Terroropfer. Heute ist der Boden Afghanistan gespickt mit Landminen, Kugeln und Bomben. Was wir wirklich brauchen, ist eine Invasion von Kliniken, Hospitälern und Schulen für Jungen und Mädchen. Ein weiterer Grund, weshalb ich zögerte, meine Memoiren zu schreiben, ist, dass ich der Meinung bin, es sollten zuerst Bücher erscheinen über die vielen demokratischen Aktivisten, die den Märtyrertod gestorben sind, über die vielen Helden und Heldinnen aus der Geschichte Afghanistans. Das gleiche Gefühl beschleicht mich bei einigen Preisen, die mir in den letzten Jahren von internationalen Menschenrechtsorganisationen verliehen wurden. Die mir vorausgingen, hätten es eher verdient gehabt. Diese Anerkennung ehrt mich zwar, doch wünschte ich mir, dass all die Liebe und Unterstützung, die mir zuteil wurde, an die Waisen und Witwen Afghanistans gegangen wäre. Ich sehe es so, dass all diese Preise und Ehrungen meinem Volk gehören. Jede Ehrung, die mir zuteil wird, stärkt mein Gefühl der Verantwortung für unseren gemeinsamen Kampf. Aus diesem Grund werden alle Einnahmen aus diesem Buch an dringend benötigte humanitäre Projekte in Afghanistan fließen. Sie sollen helfen, das Leben Vieler zu verbessern.

Während der Eskalationskampagne sprach der neue Präsident der Vereinigten Staaten, Barack Obama, von mehreren zehntausend ausländischen Soldaten, die er zusätzlich nach Afghanistan entsenden will. Zum Thema Korruption und Kriegsherrentum – der doppelten Geißel, die mein Land zerstört – hatte er hingegen nichts zu sagen. Ich weiß, dass die Wahl Obamas viele friedliebende Menschen in den USA mit großer Hoffnung erfüllt hat. Für die Afghanen bedeuten Obamas militärische Aufstockungen aber nur noch mehr Leid und Tod für unschuldige Zivilisten, während die Taliban und die Al Kaida dadurch nicht einmal geschwächt werden. Ich hoffe, die Lektionen meines Buch werden Präsident Obama und seine Politiker in Washington erreichen und sie warnen: Das afghanische Volk weist eure brutale Okkupation und eure Unterstützung für die Warlords und Drogenbarone zurück.

Seit Jahrzehnten kämpfen demokratisch Gesinnte in Afghanistan für Menschenrechte und die Rechte der Frau. Unsere Geschichte beweist, dass diese Werte nicht durch ausländische Truppen aufgezwungen werden können. Ich werde niemals müde, meinem Publikum zu sagen: Keine Nation kann einer anderen Nation die Freiheit schenken. Für diese Werte muss ein Volk selbst einstehen und sie sich erringen. Diese Werte können nur wachsen und blühen, wenn das Volk sie in eigener Erde pflanzt und sie mit den eigenen Tränen und dem eigenen Blut bewässert.

Es gibt ein afghanisches Sprichwort, das mir sehr am Herzen liegt: Die Wahrheit ist wie der Aufgang der Sonne. Niemand kann sich ihr in den Weg stellen oder sie verbergen. Ich hoffe, dass dieses Buch und meine Story ein wenig dazu beitragen werden, dass die Sonne weiter scheinen kann und dass es Sie – wo immer Sie auch sein mögen, um es zu leisen -, dazu inspiriert, für Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit einzutreten.

Orginalartikel: A Woman Among Warlords: The Extraordinary Story of an Afghan Who Dared to Raise Her Voice
Übersetzt von: Andrea Noll

Quelle: Znet

Written by mohart

8. Dezember 2009 at 11:27

Veröffentlicht in Terror / Krieg, USA

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Italien, Deutschland und Japan: Die ehemaligen Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs bauen das Verbot von „Kriegsvorbereitungen“ ab

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Der US-Journalist Rick Rozoff klagt an: Deutschland, Italien und Japan, die Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs, beteiligen sich wieder an Angriffskriegen, obwohl ihre Verfassungen das verbieten.

Von Rick Rozoff, Stop NATO
GLOBAL RESEARCH, 13.08.09
( http://www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=14754 )

Nach einer Pressemeldung vom 10. August plant die italienische Regierung, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der (italienischen) Verfassung festgeschriebene Begrenzung offensiver Militäroperationen zu modifizieren, wenn nicht sogar aufzuheben; damit würde ein seit 61 Jahren bestehendes Verbot beseitigt, das die Beteiligung an (Angriffs-)Kriegen untersagt.

Diese Nachricht erinnerte die Leser daran, dass „nach dem Zweiten Weltkrieg in der italienischen Verfassung einem (erneuten) militärischen Engagement des Landes enge Grenzen gesetzt wurden“. Diese Begrenzungen will die italienische Regierung mit einem neuen Militärgesetz „speziell für Auslandseinsätze“ unterlaufen; mit zweideutigen Formulierungen und Taschenspielertricks erklärt sie Auslandseinsätze zu Operationen, „die zwar nicht mehr als Friedensmissionen, aber noch nicht als Kriegshandlungen anzusehen sind“. [1]

Am 10. und 11. August wurden nacheinander der italienische Verteidigungsminister Ignazio La Russa und der italienische Außenminister Franco Frattini von der Tageszeitung CORRIERE DELLA SERA interviewt, und wie Tandemfahrer bedauerten beide „die übertriebenen Beschränkungen, die den italienischen Streitkräften auferlegt seien und sie bei den Kämpfen in dem NATO-Krieg in Afghanistan behinderten“.

Ein Kommentar in einer anderen Zeitung fasste die Äußerungen La Russas und Frattinis wie folgt zusammen:

„Italiens 2.800 Soldaten operieren nach den Regeln eines friedenserhaltenden Einsatzes, die sie weitgehend daran hindern, zurück zu schießen, auch dann, wenn sie selbst angegriffen werden. Nach einer Änderung der Einsatzregeln könnten die Truppen besser ausgerüstet werden, damit sie auch zum Angriff übergehen könnten.“

Frattini wird mit der Aussage zitiert: „Wir brauchen für solche Missionen zur Friedenssicherung, die nicht nur den Umgang mit Zivilisten, sondern auch wirkliche Militäraktionen erfordern, andere Regeln.“ [2]

Dieser wenig schlüssige sprachliche Eiertanz ist ein Versuch, nicht nur den Text, sondern auch den Geist des Artikels 11 der Verfassung Italiens von 1948 zu umgehen. Er lautet:

Art. 11: Italien lehnt den Krieg als Mittel des Angriffes auf die Freiheit anderer Völker und als Mittel zur Lösung internationaler Streitigkeiten ab; unter der Bedingung der Gleichstellung mit den übrigen Staaten stimmt es den Beschränkungen der staatlichen Oberhoheit zu, sofern sie für eine Rechtsordnung nötig sind, die den Frieden und die Gerechtigkeit unter den Völkern gewährleistet; es fördert und begünstigt die auf diesen Zweck gerichteten überstaatlichen Zusammenschlüsse. (Der Wortlaut des kompletten Artiklels11 wurde übernommen aus http://www.verfassungen.eu/it/ital48.htm.)

In diesem Artikel wird mit der Formel, Italien „stimmt den Beschränkungen der staatlichen Oberhoheit zu“, auch bereits der ein Jahr später erfolgende Eintritt des Landes in die North Atlantic Treaty Organization / NATO vorweggenommen.

Der Artikel 11 (der Verfassung Italiens) gleicht Artikeln ähnlichen Inhalts, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Verfassungen derjenigen Mächte übernommen oder eingefügt wurden, die den verlustreichsten Krieg in der Geschichte Europas und Asiens ausgelöst haben: Es handelt sich dabei um die Mitglieder der Achse Berlin- Rom-Tokio, also um die Staaten des (am 27.09.1940 auf Initiative Adolf Hitlers geschlossenen) Dreimächtepaktes.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1949, dessen Geltungsbereich 1990 auf das ganze wiedervereinigte Deutschland ausgedehnt wurde, enthält in Artikel 26 ein Verbot der Vorbereitung eines Angriffskrieges folgenden Inhalts:

GG Art 26, Abs. (1):“Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen. (Der Wortlaut des Absatzes (1) wurde übernommen aus http://dejure.org/gesetze/GG/26.html.)

Auch die Verfassung Japans, die dem Land 1947 von der Vereinigten-Staaten verordnet wurde, enthält in Artikel 9 ähnliche Vorschriften. Er lautet:

Art. 9, Abs. 1: In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten. Abs. 2: Um das Ziel des vorhergehenden Absatzes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegsführung wird nicht anerkannt. (Der Wortlaut des Artikels 9 wurde übernommen aus http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Japan/artikel9.html .)

Die US-Streitkräfte und besonders die US-Air Force haben ihre Basen in Deutschland, Italien und Japan seit dem Korea-Krieg bis zum aktuellen Krieg in Afghanistan in allen vom Pentagon angezettelten Konflikten zur Stationierung ihrer Bomber und zum Transit von Truppen, Waffen und sonstigem Nachschub genutzt.

Obwohl ihre Verfassungen die Unterstützung von Kriegsvorbereitungen verbieten, haben sich die drei ehemaligen Achsenmächte seit mehr als 60 Jahren in einer ganzen Reihe bewaffneter Konflikte zu Komplizen machen lassen.

Aber für den größten Teil dieser Periode – fast ein halbes Jahrhundert lang – wurde trotz dieser Komplizenschaft wenigstens die in den jeweiligen Verfassungen enthaltene Vorschrift eingehalten, sich nicht mit eigenen Truppen an Angriffskriegen zu beteiligen. Italien war zwar 1949 an der Gründung der NATO beteiligt, hat aber keine Soldaten für den Korea-Krieg gestellt, obwohl Großbritannien, Kanada, Frankreich, die Niederlande, Belgien und Luxemburg die Vereinigten Staaten mit Truppen unterstützten.

Griechenland und die Türkei stellten Truppenkontingente, weil das eine Vorbedingung für ihre NATO-Mitgliedschaft war, die ihnen 1952 zugestanden wurde; aber die Bundesrepublik Deutschland, die 1955 (in die NATO) eintrat, stellte keine Soldaten (für den Korea-Krieg).

Obwohl Australien, Neuseeland, die Philippinen und Thailand Truppen (für Korea) stellten, tat Japan das nicht.

Die Vorschrift, sich nicht an Kampfeinsätzen zu beteiligen (die nicht zur Verteidigung des eigenen Landes dienen), wurde von zwei der drei Nationen – von Deutschland und Italien – erst im Krieg der NATO gegen Jugoslawien Anfang 1999 verletzt. Beide Länder stellten Kampfjets für den 78-tägigen Luftkrieg, und der US-und NATO-Luftwaffenstützpunkt Aviano (in Italien) diente als Hauptbasis für die täglichen Bombenangriffe auf militärische Ziele und auf die zivile Infrastruktur und die Bürger (im Kosovo und in Serbien). Auch Kampfflugzeuge der USA, Großbritanniens, Kanadas, Spaniens, Portugals und anderer Länder operierten von diesem Flugplatz aus.

Die Wortklauberei des gegenwärtigen italienischen Außenministers Frattini, mit der er zu bestreiten versucht, dass ein Krieg ein Krieg ist, wurde bereits erwähnt, und vergleichbare Verdrehungen und falsche Behauptungen deutscher und italienischer Minister und Parlamentarier gab es auch 1999. Deutschland und Italien hatten sich zum ersten Mal nach der Herrschaft Hitlers und Mussolinis wieder mit eigenen Truppen an einem Krieg gegen ein Land beteiligt, das sie nicht angegriffen hatte, aber von den beiden faschistischen Führern 59 Jahre vorher schon einmal angegriffen worden war.

(Der „Blitzkrieg“ der deutschen Wehrmacht gegen Jugoslawien begann am 06.04.1941, der NATO-Luftkrieg gegen die Serben am 24.03.1999. Beide Kriege liegen also 58 Jahre auseinander. Der am 28.10.1940 gestartete Angriff Italiens auf Griechenland war gescheitert.)

Die nach dem Zweiten Weltkrieg im Nürnberger Urteil ausgesprochene Ächtung des Angriffskrieges wurde von den besiegten Achsenmächten missachtet, und im letzten Jahrzehnt haben sich Deutschland, Italien und Japan wieder zunehmend auf regionaler und internationaler Ebene als Militärmächte etabliert – bis zu der in unterschiedlichem Ausmaß erfolgenden Teilnahme aller drei Staaten an dem gegenwärtigen Krieg der USA und der NATO in Afghanistan.

(Das Nürnberger Urteil von 1946 sagt zum Verbrechen des Angriffskrieges: „Der Krieg ist seinem Wesen nach ein Übel. Seine Auswirkungen sind nicht allein auf die kriegführenden Staaten beschränkt, sondern treffen die ganze Welt. Die Entfesselung eines Angriffskrieges ist daher nicht bloß ein internationales Verbrechen; es ist das schwerste internationale Verbrechen, das sich von anderen Kriegsverbrechen nur dadurch unterscheidet, daß es in sich alle Schrecken der anderen Verbrechen einschließt und anhäuft.“ Das Zitat wurde entnommen aus „Der Nürnberger Prozess“,
s.
http://www.zeno.org/Geschichte/M/Der+N%C3%BCrnberger+Proze%C3%9F .)

Deutschland hat jetzt die Höchstzahl der derzeit vom Bundestag genehmigten Soldaten nach Afghanistan entsandt: 4.500 Mann und 300 zusätzliche Soldaten in den AWACS-Maschinen der NATO, die zur Eskalation des Krieges beitragen. Es stellt das viertgrößte Truppenkontingent in Afghanistan – nach den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Kanada.

Italien stellt mit 3.250 Soldaten den sechstgrößten Truppenanteil und kommandiert den NATO-Einsatz in West-Afghanistan in der Nähe der iranischen Grenze. Der Krieg gegen Jugoslawien im Jahr 1999 war für Deutschland und Italien der erste Luftkrieg nach den Zweiten Weltkrieg, der Krieg in Afghanistan ist der erste Bodenkrieg.

Deutschland hat bisher schon 38 Soldaten verloren, Italien erst 15.

Eine Ende Juli im Auftrag einer großen italienischen Tageszeitung durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass 56 Prozent der Italiener einen Abzug der italienischen Truppen vom afghanischen Kriegsschauplatz fordern, aber Premierminister Silvio Berlusconi, Außenminister Frattini und Verteidigungsminister La Russa bestehen darauf, die Truppen in Afghanistan zu belassen; sie haben kürzlich sogar noch 500 zusätzliche Soldaten entsandt und sich verpflichtet, mehr Predator-Drohnen, Tornado-Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber einzusetzen.

Ende letzten Monats hatte Verteidigungsminister La Russa erklärt: „Es ist möglich, dass wir auch die Anzahl der Hubschrauber erhöhen werden, um unsere Truppen besser aus der Luft unterstützen zu können; wir werden auch unsere Tornados offensiver einsetzen.“ [3]

Zur gleichen Zeit stieß Außenminister Frattini ins gleiche Horn: „Wir werden die Anzahl derunbemannten Überwachungsdrohnen vom Typ Predator erhöhen und unsere Tornado-Kampfjets nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur Unterstützung unserer Bodentruppen einsetzen.“

Eine italienische Zeitung ergänzte: „Er teilte auch mit, dass Italien die Panzerung seiner Lince-Truppentransporter verstärken und eine neue Generation gepanzerter Fahrzeuge entsenden werde.“ [4]

In fünf vorausgehenden Artikeln dieser Reihe wurde Deutschlands erneuter Aufstieg zur militärischen Großmacht nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert [5, 6, 7, 8, 9]; dabei wurden auch die fortschreitende Transformation der Bundeswehr in eine „international operierende Interventionsarmee“ [10] und die Haltung der Merkel-Regierung untersucht, „Deutschland müsse seine aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stammenden Hemmungen, robuste Sicherheitsmaßnahmen – einschließlich militärischer Gewalt im In- und Ausland – einzusetzen, endlich ablegen. [11]

In einem 2006 vom deutschen Verteidigungsministerium vorgelegten Weißbuch wird gefordert, die Bundeswehr müsse „von Grund auf in eine Interventionsarmee umstrukturiert werden“ [12], und einer der Autoren stellte fest: „Es wird Zeit, dass Deutschland seine Nachkriegshemmungen, auch wieder Gewalt anzuwenden, endlich überwindet.“ [13]

Am 8. August, wenige Wochen nachdem „deutsche Truppen in Kundus ihre größte militärische Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg eingeleitet hatten“, wurde berichtet, „der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung habe in einem Zeitungsinterview gesagt, …, deutsche Streitkräfte müssten noch bis zu zehn weitere Jahre in Afghanistan bleiben“. [14]

Die deutsche Regierung vertritt offen den Einsatz der Bundeswehr sowohl im Innern der Bundesrepublik als auch im Ausland und hat im April anlässlich des Gipfels zum 60. Geburtstag der NATO in Kehl Soldaten gegen Demonstranten aufmarschieren lassen; das ist ein gefährlicher Weg, den zuerst die Berlusconi-Regierung beschritten hat, als sie vor einem Jahr in Rom, Mailand, Neapel und Turin 3.000. Soldaten gegen Einwanderer, Roma-Lager und angeblich auch gegen kriminelle Vereinigungen eingesetzt hat.

Solche Militäreinsätze im Innern des eigenen Landes erinnern fatal an Praktiken, die es seit Mussolini und Hitler in Italien und Deutschland nicht mehr gegeben hat.

Zwei Monate danach wurde in einem Artikel mit der Überschrift „Die NATO füllt die Kassen der Mafia mit Mietzahlungen“ berichtet, dass in Neapel, wo seit 2004 ein Allied Joint Force Command der NATO (ein Vereinigtes Oberkommando der NATO-Streitkräfte) residiert, „Regierungsgelder, die für die NATO bestimmt waren, in die Taschen der gewalttätigsten kriminellen Organisation Italiens geflossen sind“. [15]

In einem weiteren Bericht, der im November letzten Jahres erschienen ist, heißt es:

„Franco Roberti, der Chef der Antimafia-Sonderkommission der Stadt Neapel, beschuldigte in einem von der italienischen Tageszeitung CORRIERE DELLA SERA veröffentlichten Artikel Offizielle der US-und NATO-Streitkräfte, wissentlich Häuser von Personen angemietet zu haben, die verdächtigt werden, Gangster-Bosse zu sein. Die Großvermieter kassierten für US-und NATO-Bedienstete Monatsmieten von 1.500 bis 3.000 Euro, die zwei bis dreimal höher als die ortsüblichen Mieten waren.“ [16]

Obwohl italienische Truppen wieder in den Straßen der Städte auftauchen, blieb die (abkassierende) Camorra Casalese unbehelligt und konnte sich auch noch bereichern.

Im letzten Jahr bestätigte Berlusconi auch, dass die bereits während seiner vorherigen Amtszeit als Premierminister entwickelten Pläne, das US-Camp in der Caserma Ederle in Vicenza mit dem benachbarten Flughafen Dal Molin zur „größten US-Militärbasis außerhalb der Vereinigten Staaten“ [17] auszubauen, jetzt umgehend realisiert würden.

Camp Ederle beherbergt bereits 6.000 US-Soldaten und wird bald alle sechs Bataillone des 173rd Airborne Brigade Combat Teams (des Kampfteams der 173. Fallschirmjäger-Brigade) aufnehmen – auch die (vier, die derzeit noch in Bamberg und Schweinfurt) in Deutschland stationiert sind. Das 173rd Airborne Brigade Combat Team wurde in den letzten Jahren im Irak und in Afghanistan eingesetzt. (Infos dazu unter http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_07/LP02907_040207.pdf )

Im Juli letzten Jahres waren US-Soldaten der in Vicenza stationierten Southern European Task Force / Airborne (der Südeuropäischen Eingreiftruppe / Fallschirmjäger) unter den 1.000 Mann, die an dem NATO-Manöver Immediate Response 2008 (Sofortige Antwort 2008) in Georgien teilnahmen. Das war die größte Anzahl von US-Soldaten, die jemals gleichzeitig im Kaukasus eingesetzt waren; sie hatten die Streitkräfte der Gastgeber-Nation (Georgien) für einen Krieg mit Russland trainiert, der wenige Tage danach folgte.

„US-Ausbilder, die für das Training des georgischen Militärs verantwortlich waren, blieben in dem gefährdeten Land, als am Freitag, dem 8. August, wegen der Abspaltung der Provinz Südossetien die Kämpfe zwischen Russland und Georgien ausbrachen. (s. dazu http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_08/LP12908_100808.pdf )

Das U.S. European Command (EUCOM in Stuttgart) teilte am Montag mit, dass es zur Zeit nicht plane, die US-Ausbilder aus dem Land zurückzuziehen.“ [18]

Im Januar 2008 gab die italienische Regierung bekannt, dass sie eine Autobahn bauen wolle, um Vicenza mit dem Luftwaffenstützpunkt Aviano zu verbinden. „Die Fallschirmjäger, die in der Caserma Ederle in Vicenza stationiert sind, benutzen Aviano für ihr (Absprung-)Training und fliegen von dort aus zu ihren Einsätzen: Bei ihren letzten drei Kampfeinsätzen ist die 173rd Airborne Brigade immer von Aviano aus gestartet.“ [19]

Jahrzehntelang war man sich darüber einig, dass es Japan durch den eine Remilitarisierung verbietenden Artikel 9 seiner Verfassung untersagt ist, wieder aufzurüsten und sich an Militäraktionen außerhalb seiner Grenzen – die beschönigend als kollektive Selbstverteidigung bezeichnet werden – zu beteiligen. Erstens ist es Japan ganz eindeutig verboten, Truppen, Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge außerhalb des japanischen Territoriums und seines Seegebietes in bewaffneten Auseinandersetzungen einzusetzen.

Zweitens ist es dem Land verboten, bilaterale oder multilaterale Verträge abzuschließen oder Militärbündnisse einzugehen, die Japan verpflichten, anderen Nationen im Krieg beizustehen oder sich an Programmen wie dem weltweiten US-Raketenabwehrschild zu beteiligen.

Im Laufe der letzten acht Jahre hat die japanische Regierung beide Komponenten des in der Verfassung verankerten Verbots verletzt: Sie hat Truppen in Konfliktzonen entsandt und sich an gemeinsamen Verteidigungsmaßnahmen beteiligt, die in Wahrheit kaum defensiv zu nennen sind.

Tokio verstieß zum ersten Mal 2002 gegen das Verbot, Truppen außerhalb seiner Grenzen einzusetzen, als es 600 Soldaten nach Osttimor entsandte, die sich den Truppen aus Australien, Argentinien, Bangladesch, Brasilien, Großbritannien, Kanada, China, von den Fidschiinseln, aus Finnland, Frankreich, Italien, Japan, Malaysia, Neuseeland, Norwegen, Pakistan, von den Philippinen, aus Portugal, Singapur, Südkorea, Schweden, Thailand und aus den Vereinigten Staaten anschlossen.

Im Dezember des darauf folgenden Jahres schickte die Regierung des Premierministers Junichiro Koizumi 600 Soldaten und Hunderte Zivilisten zur Unterstützung in den Irak – neun Monate nach der Invasion des Landes durch die Vereinigten Staaten und Großbritannien.

Bei dem Irak-Einsatz wurden japanische Truppen zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder auf einen Kriegsschauplatz entsandt.

Dem Beispiel italienischer und deutscher Regierungsmitglieder folgend, die das Wort „Krieg“ partout nicht in den Mund nehmen wollen, obwohl sie ihre Soldaten in Kriege schicken, bezeichnete Tokio seine Truppe als „Japanische Aufbau-und Unterstützungsgruppe für den Irak“. Unabhängig von dem gewählten Namen hat Japan Truppen zur Unterstützung Verbündeter entsandt, die den Irak unter Verletzung des Völkerrechts und ohne UN-Mandat überfallen haben und damals noch in heftige Kämpfe verwickelt waren. Die japanischen Soldaten blieben bis 2006 im Irak, bis sich die USA und ihre NATO-Verbündeten wieder stärker auf Afghanistan konzentrierten.

Seinen Truppenabzug im Jahr 2006 kompensierte Japan, indem es Lufttransporte für die Irak-Besatzer durchführte; erst im Dezember 2008, als die westlichen Alliierten dem Afghanistan-Krieg wieder absolute Priorität einräumten, beendete Japan sein militärisches Engagement im Irak.

Den Afghanistan-Krieg hat Japan von Beginn an unterstützt, und „trotz seiner pazifistischen Verfassung hat Japan seit 2001 an Marine-Operationen im Indischen Ozean teilgenommen und der US-geführten Koalition, die in Afghanistan kämpft, Treibstoff und andere logistische Unterstützung zur Verfügung gestellt“. [20] Es versorgte die meisten der US und NATO-Kriegsschiffe im Indischen Ozean mit Treibstoff, einschließlich derjenigen, die Tomahawk-Marschflugkörper auf Afghanistan abfeuerten. Japan zog seine Seestreitkräfte Ende 2007 kurzzeitig ab, entsandte sie aber ein Jahr später wieder, und sie beteiligen sich bis heute am derzeit größten Krieg der Welt.

Das immer noch als pazifistisch eingeschätzte Japan hat also die letzten beiden Kriege des Westens aktiv unterstützt.

Keiichiro Asao, ein Parlamentsabgeordneter der Demokratischen Partei Japans, der Verteidigungsminister seines Landes werden soll, wenn seine in Umfragen führende Partei die nächsten Wahlen gewinnt, bemerkte im vergangenen Monat in einem Interview mit der US-Militärzeitung STARS AND STRIPES zum Afghanistan-Krieg: „Wenn Friedensgespräche in einem Teil Afghanistans erfolgreich verlaufen, könnten wir Bodentruppen in diese Gebiete entsenden, um beim Aufbau einer Zivilgesellschaft zu helfen, selbst dann, wenn in anderen Gebieten noch gekämpft wird.“ [21]

Japanische Bodentruppen auf dem am heftigsten umkämpften Kriegsschauplatz der Welt würden auch die letzten Spuren der Entmilitarisierung Japans nach dem Zweiten Weltkrieg tilgen, und damit würde sich nach Deutschland und Italien auch dieses Land wieder unter die Staaten einreihen, die Kriege führen.

Und darauf hat man wohl seit Jahren hingearbeitet, weil im Januar 2007 die Verteidigungsagentur Japans wieder in ein Verteidigungsministerium umgewandelt wurde, das es seit der Niederlage des Landes im Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.

Im gleichen Monat wurde berichtet, dass Premierminister Shinzo Abe und Verteidigungsminister Fumio Kyuma daran denken, „Japans Truppen zu Präventivschlägen während internationaler Friedensmissionen zu ermächtigen“ und nach Wegen suchen, „wie die von der japanischen Verfassung verbotene Gewaltanwendung bei Akten der kollektiven Selbstverteidigung, die gemeinsam mit Verbündeten erfolgt, gelockert werden kann“.

„Die Regierung will dieses Ziel erreichen, indem sie die Verfassung neu interpretiert,“ berichtet die Tageszeitung YOMIURI. [22]

Drei Monate später wurde in einem Artikel mit der Überschrift „Japan muss darüber nachdenken, wie es für angegriffene Verbündete kämpfen kann“ berichtet: „Premierminister Shinzo Abe neigt dazu, Japan in vier Fällen das Recht auf kollektive Selbstverteidigung zu gewähren“, etwa „beim Einsatz des japanischen Raketenabwehrsystems gegen einen Angriff mit ballistischen Raketen auf ein verbündetes Land wie die Vereinigten Staaten“. Das meldete die Kyodo News Agency. [23]

In drei weiteren Fällen wäre Tokio ebenfalls bereit, die von der Verfassung verbotene Teilnahme an so genannten kollektiven Verteidigungsmaßnahmen zu umgehen: „wenn ein japanisches Kriegsschiff, das ein japanisches Handelsschiff begleitet, unter Beschuss gerät, wenn eine japanische Militäreinheit in einer multinationalen Streitmacht angegriffen wird und wenn sich japanische Truppen im Rahmen einer UN-Friedensmission zur Wehr setzen müssen.“ [24]

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Premierminister Abe die Tradition seines Vorgängers Koizumi fortgesetzt und jährlich den Yasukuni Schrein besucht hat, in dem japanische Kriegstote – darunter 14 verurteilte Kriegsverbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg – bestattet sind.

„’Es steht der japanische Regierung nicht zu, die Taten so genannter Kriegsverbrecher nachträglich zu beurteilen,“ sagte Abe am 3. Oktober 2006 vor dem japanischen Parlament. [25]

Die von 2001 bis 2006 durchgeführten Schrein-Besuche japanischer Premierminister empörten China, Nord- und Südkorea, Thailand, die Philippinen und andere Nationen, welche die Kriegsverbrechen, die Japaner an ihren Ländern und Völkern begangen haben, immer noch verurteilen und in der Rehabilitierung der Schuldigen eine Wiederbelebung des japanischen Militarismus sehen.

Der gefährlichste Part der japanischen Pläne für die Zulassung präventiver Angriffe im Rahmen kollektiver Verteidigungsmaßnahmen ist das von der Regierung im Jahr 2007 zuerst angeführte Beispiel: die Integration Japans in den so genannten Raketenabwehrschild, den die USA aus boden-, luft und seegestützten Komponenten unter Einbeziehungim Weltraum stationierter Überwachungssatelliten und Raketen weltweit aufbauen wollen.

Am 11. August warnte der Kommandeur der russischen Luftwaffe, Generaloberst Alexander Zelin: „Ab 2030 … werden andere Länder und besonders die Vereinigten Staaten in der Lage sein, mit koordinierten Präzisionsangriffen aus der Luft und aus dem Weltraum jedes Ziel auf dem gesamten russischem Territorium zu erreichen.“ [26]

Am nächsten Tag wandte sich der chinesische Außenminister Yang Jiechi an die Abrüstungs-Konferenz in Genf, an der 65 Länder beteiligt sind, und warnte vor einem „Wettrüsten im Weltraum“; er stellte fest, „im Weltraum drohe jetzt die Gefahr einer neuen Aufrüstung“ und forderte: „Die Staaten der Welt sollten weder Raketenabwehrsysteme entwickeln, welche die globale strategische Stabilität untergraben, noch Waffen im Weltraum stationieren.“ [27]

Im Jahr 2005 haben die Vereinigten Staaten und Japan vereinbart, auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Yokota westlich von Tokio eine Raketenabwehrstation zu errichten. Kyodo News, eine lokale Tageszeitung, schrieb damals über des Projekt: „Japans Erfolg wird auch das atomare Potenzial Chinas und Russlands in Ostasien beeinflussen. Zweifellos werden die beiden Staaten ihre Anstrengungen steigern, Raketen mit höherer Leistung zu entwickeln.“ [28]

Im Mai 2007 drängte Pentagon-Chef Robert Gates: „Japan sollte sein Recht zur Beteiligung an kollektiven Verteidigungsmaßnahmen erklären, damit es sein Raketenverteidigungssystem dazu verwenden kann, nordkoreanische ballistische Raketen abzuwehren, die auf die Vereinigten Staaten zielen.“ [29]

Die Vereinigten Staaten verwenden Nordkoreas Raketen als Vorwand, um ihren globalen Raketenabwehrschild, mit dessen Hilfe sie Russland und China mit einem angedrohten atomaren Erstschlag erpressen könnten, nach Osten auszudehnen. Damals war über die Gates-Initiative zu lesen: „Das Drängen der USA auf eine Beteiligung (Japans) an einem kollektiven Verteidigungssystem entspringt seiner Absicht, die Abschreckung gegenüber China zu verstärken, und zeigt Washingtons Hoffnung, Premierminister Shinzo Abe werde das durch eine Verfassungsänderung ermöglichen.“ [30]

Im gleichen Monat, im Mai 2007, wurde auch bekannt, dass „Japans Verteidigungs-ministerium die US-Streitkräfte seit Ende April mit Geheimdienst-Erkenntnissen versorgte, die über das Frühwarn-Radarnetz der Luft-Selbstverteidigungs-streitkräfte / ADSF gewonnen wurden; das Ministerium hatte durch eine Vernetzung der ADSF mit dem Hauptquartier der 5th Air Force auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Yokota bei Tokio bereits damit begonnen, diese Erkenntnisse laufend zu übermitteln, bevor die beiden Staaten auf einem streng geheimen Treffen, das am 1. Mai in in Washington stattfand, den Datenaustausch zur Raketenabwehr vereinbart hatten“. [31]

Schon vor zwei Jahren schmiedete die regierende Liberale Partei Pläne, nach dem Kalten Krieg endlich den Zustand zu ändern, „dass Japans pazifistische Verfassung die Beteiligung an Kriegen und Militäraktionen im Ausland verbietet. Die japanische Regierung interpretiert die Verfassung gegenwärtig dahingehend, dass sie Japan das Recht nimmt, einen angegriffenen Verbündeten zu verteidigen“. [32] Man will also den Artikel 9 seines (pazifistischen) Inhalts berauben oder ihn ganz streichen.

Japan möchte die nach dem Zweiten Weltkrieg an Russland gerichtete revanchistische Forderung nach Rückgabe seiner Kurilen-Inseln wieder intensivieren und hat sich deshalb dem Bestreben seinen ehemaligen Verbündeten in Berlin und Rom angeschlossen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführten Beschränken für Militäreinsätze im Ausland, die auch präventive Angriffe ausschließen, zu beseitigen.

Nachdem vor einer Generation der sozialistische Block in Osteuropa zusammen-gebrochen ist und die NATO jetzt versucht, sich das Territorium der Staaten des ehemaligen Warschauer Vertrags einzugliedern, sind viele Dämonen, die Jahrzehnte geschlummert haben, wieder aufgewacht: der unersättliche Militarismus, die Forderung nach einer Veränderung bestehender Grenzen, der Revisionismus, der die Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs rückgängig machen will, der Revanchismus und natürlich der Faschismus.

Im Februar 2007 entschied das Bukarester Berufungsgericht des Staates Rumänien, der sich im Zweiten Weltkrieg den Achsenmächten Deutschland, Italien und Japan angeschlossen hatte, dass die Teilnahme der 800.000 rumänischen Soldaten an Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 ein „Krieg zur Befreiung Bessarabiens (das heute größtenteils zu Moldawien gehört) und der Bukowina“ (die heute zwischen Rumänien und der Ukraine aufgeteilt ist) war. [33]

Ende Juli dieses Jahres trug Radu Mazare, der Bürgermeister der rumänischen Stadt Constanta, bei einer Modenschau eine Uniform der Nazi-Wehrmacht und begründete das damit, dass er sich „wie ein General der Wehrmacht kleiden wollte, weil er diese Uniform und die strenge Organisation der deutschen Armee schon immer bewundert habe.“ [34]

Zwei Jahre vorher hatte Rein Lang, der Justizminister Estlands, das der NATO und der Europäischen Union angehört, in einer Bar seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert – mit einer „Hitler-Nacht“, bei der ein Schauspieler in einem Einpersonen-Stück mit dem Titel „Adolf“ vor einem Hakenkreuz im Hintergrund einen (fiktiven) „Monolog Hitlers vor seinem Selbstmord“ rezitierte. In diesem Monolog forderte der Führer seine Verbündeten auf „weiter für die Ideen des Dritten Reiches zu kämpfen“. [35]

Am 26. Juli dieses Jahres feierten Veteranen der 20. estnischen SS-Division eine 1944 gegen die sowjetischen Armee geschlagene Schlacht, und das war nur die jüngste einer ganzen Reihe von Gedenkveranstaltungen, mit denen jedes Jahr an die Nazi-Vergangenheit erinnert wird. An einem Marsch, der aus diesem Anlass stattfand, nahmen „Anhänger des Faschismus aus allen Baltenstaaten, aus Holland, Norwegen, Dänemark und sogar aus Georgien teil.“ [36]

Ein russischer Journalist kommentierte die Tendenzen in diesem Land mit den Worten: „Estland wird von Leuten regiert, die ihre Begeisterung für den Faschismus und die Nazi-Ideologie noch nicht einmal zu verbergen versuchen.“ [37]

Drei Monate vorher marschierten 300 Letten bei der jährlichen Parade zum Legionärs-Tag mit, die zu Ehren der Veteranen der lettischen Waffen-SS veranstaltet wird, „die an Strafexpeditionen und Massentötungen von Juden, Weißrussen und Letten beteiligt waren“. [38] Auch Lettland ist Mitglied der NATO und der EU. Die jährlichen Märsche werden in der Hauptstadt Riga inszeniert, und obwohl sie von der Regierung offiziell nicht gebilligt werden, gewährt sie den Nazi-Sympathisanten Polizeischutz und hat in der Vergangenheit auch schon antifaschistische Demonstranten festnehmen lassen.

Das Vorbild für dieses Wiederaufleben des Faschismus war Kroatien, das bereits 1991 die mit den Nazis verbündete Ustascha rehabilitiert und glorifiziert hat (s. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Ustascha ).

Die neue braune Pest hat sich auch in die Ukraine ausgebreitet, wo im letzten Jahr Präsident Wiktor Juschtschenko, ein Produkt der „orangefarbenen Revolution“ von 2004 und ein Anhänger der Vereinigten Staaten, dessen Zustimmungsrate kürzlich auf weniger als ein Prozent abgesunken ist, „Roman Shukhevich, einem der Anführer der ukrainischen Aufständischen Armee, die an der Seite des Dritten Reiches gekämpft hat, postum den Titel eines Helden der Ukraine verliehen hat; er unterzeichnete auch eine Verordnung, mit der er den Gründungstag der Aufständischen Armee zum Feiertag erklärte“. [39] (s. auch http://en.wikipedia.org/wiki/Roman_Shukhevych )

In den verbleibenden Tagen seiner Amtszeit verstärkt Juschtschenko seine Anstrengungen, die Ukraine in NATO zu führen, obwohl eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung das ablehnt; außerdem lässt er Denkmäler zu Ehren Stephan Banderas errichten, der ebenfalls ein Führer der ukrainischen Aufständischen Armee war.

Die Rückkehr Deutschlands, Italiens und Japans in die Reihen der Kriege führenden Nationen und das Wiederaufleben faschistischen Gedankenguts in Europa könnte einen zukünftigen Studenten zu den Annahmen verleiten, die Achsenmächte seien die Sieger und nicht die Verlierer des Zweiten Weltkriegs gewesen und die Nürnberger Prozesse habe es nie gegeben.
Quelle: luftpost-kl.de

Written by mohart

27. August 2009 at 06:57

Zur Lage in Moldawien – Stand nach den Wahlen am 29. Juli 2009

AUTOR:  Hans-Jürgen FALKENHAGEN & Brigitte QUECK

Zur Parlamentswahl am 29. Juli 2009 traten folgende Parteien an: die Kommunistische Partei (PCRM), die Allianz „Unser Moldawien“ (ANM), die Liberaldemokratische Partei (PLDM), die Liberale Partei (PL), die Nationalliberale Partei (PNL), die Demokratische Partei (PDM), die Sozialpolitische Bewegung „Europäische Aktion“, die Christlich-Demokratische Volkspartei (PPCD), die Sozialdemokratische Partei (PDS), die Ökologische Partei-Grünes Bündnis, ferner unabhängige Einzelkandidaten. Wahlbündnisse untersagt das Wahlgesetz.

Von diesen 10 Parteien schieden noch eine Woche vor dem Wahltermin die Nationalliberale Partei und die Sozialpolitische Bewegung „Europäische Aktion“ aus. Die hatten auf die Teilnahme an der Wahl verzichtet.

Die Parlamentsneuwahlen fanden ohne nennenswerte Störungen am 29. Juli 2009 statt. Die internationalen Wahlbeobachter bestätigten die Korrektheit des Wahlablaufs. An den Wahlen nahmen 58,8 % der Wahlberechtigten teil. Darin eingeschlossen waren auch 5070 Wähler und Wählerinnen aus Transnistrien und etwa 10 000, die derzeit im Ausland wohnen.

Die Wahlergebnisse lauten wie folgt: Die Kommunistische Partei 45,1 %, die Liberaldemokratische Partei 17,4 %. die Liberale Partei 14,4 %, Allianz „Unser Moldawien“ 7,4 % und die Demokratische Partei 12,6 %. An der Fünfprozentsperrklausel scheiterten die Christlich-Demokratische Volkspartei mit nur 1,9 %, die Sozialdemokratische Partei mit nur 1,9 % und die Ökologische Partei-Grünes Bündnis mit nur 0,4 % der Wählerstimmen. Auch unabhängige Bewerber scheiterten an der Sperrklausel. Danach ergibt sich folgende Sitzverteilung im Parlament: Die Kommunistische Partei 48, Liberaldemokratische Partei 18, Liberale Partei 15, Allianz „Unser Moldawien“ 7 und die Demokratische Partei 13.

In den westlichen Medien wurde das als ein großer Sieg der westlich orientierten Parteien gefeiert. Aber in Wirklichkeit ist die künftige politische Orientierung Moldawiens zunächst offen geblieben. Verloren hat zwar die Kommunistische Partei. Mit 48 statt bisher 60 Abgeordnetensitze ist sie aber dennoch noch die stärkste Partei im Parlament. Die drei Parteien, die bisher im Parlament die Wahl des neuen moldawischen Präsidenten boykottierten – die Liberaldemokratische Partei, die Liberale Partei und die Allianz „Unser Moldawien“ – wurden von den Wählern und Wählerinnen aber dafür auch nicht belohnt. Im Gegenteil, statt mit 41 Sitzen sind sie nur noch mit 40 Abgeordneten im Parlament vertreten. Der Westen setzt nun die Hoffnung auf die vierte Oppositionspartei – die Demokratische Partei -, aber deren Orientierung bleibt ungewiss.

Die Kommunisten können mit 48 Abgeordneten die Wahl eines neuen moldawischen Präsidenten, wozu 61 Stimmen notwendig sind, sowie auch eine Verfassungsänderung, wozu es sogar einer Zweidrittelmehrheit (68 Stimmen) bedarf, verhindern. Dann würde der amtierende Präsident Woronin noch mindestens bis Januar 2010 im Amt bleiben können, denn die moldawische Verfassung verbietet mehr als zwei Parlamentswahlen im Jahr. Zudem könnten die vier Parteien – die Liberaldemokratische Partei, die Liberale Partei, die Allianz „Unser Moldawien“ auch mit der Demokratischen Partei ohne Auftrag des Staatspräsidenten trotz ihrer einfachen Parlamentsmehrheit keine Regierung bilden. Den Auftrag zur Regierungsbildung kann laut Verfassung nämlich nur der Staatspräsident erteilen. Dieser hat das alleinige Recht, den Premierminister vorzuschlagen, der dann mit einer Mehrheit von mindestens 52 Stimmen zusammen mit seinem Kabinett vom Parlament bestätigt werden muss. Wenn aber wieder kein neuer moldawischer Präsident gewählt werden kann und wenn keine Einigung mit dem amtierende Präsidenten Woronin zustande kommt, entsteht zumindest bis zu Beginn 2010 eine politische Pattsituation.

Es bietet sich somit auch aus pragmatischen Gründen eine Koalition zwischen der Kommunistischen Partei und der Demokratischen Partei an. Beide kommen auf 61 Abgeordnetensitze. Marian Lupu schließt diese Möglichkeit nicht aus. Marian Lupu könnte dann Staatspräsident oder Premierminister einer Koalitionsregierung zwischen der Kommunistischen Partei und Demokratischen Partei werden. Er will aber – zumindest hat er sich am 30. Juli so geäußert – Woronin in keiner Funktion mehr haben, weder in der des Parlamentsvorsitzenden noch in einer anderen wichtigen Funktion. Der 68-jährige Wladimir Woronin müsste also in die politische Pension gehen. Zumal der 1966 geborene Marian Lupu vorher der Kommunistischen Partei in führender Funktion angehörte, ist diese Variante nicht auszuschließen. Er war von 2001 an Vizewirtschaftsminister und ab 2003 Wirtschaftsminister in der von den Kommunisten gestellten Regierung. Am 24 März 2005 wurde er als Abgeordneter der kommunistischen Fraktion mit 65 Stimmen zum Parlamentsvorsitzenden gewählt. Diese Funktion übte er bis zum Mai 2009 aus. Sein Vater, der Mathematik-Professor Ilie Ion Lupu, gilt nach der Auflösung der alten KPdSU als einer der maßgebenden Begründer der neuen Kommunistischen Partei Moldawiens im Jahre 1991. In der Familie von Lupu gibt es also eine kommunistische Tradition.


Marian Lupu

Käme die Koalition zwischen der Kommunistischen Partei und Demokratischen Partei zustande, wäre die moldawische Staatskrise schnell gelöst. Marian Lupu gilt allerdings auch als ein Verfechter einer weiteren Sozialdemokratisierung der Kommunistischen Partei. Er ist aber kein Gegner Russlands – er hatte u.a. nach einer vierjährigen Aspirantur an der Moskauer Staatsuniversität 1991 dort den Titel eines Doktors der Ökonomie erworben und beherrscht und spricht perfekt Russisch. Einen Anschluss Moldawiens an Rumänien lehnt er ab. Sein Verhältnis zur EU und NATO gilt als ambivalent, obwohl er eine gute Zusammenarbeit mit EU-Staaten pflegt – er war z. B. von 1992 bis 2000 Exekutivdirektor des Programms TACIS-Moldawien und beherrscht auch Englisch und Französisch.

Denkbar ist aber auch, dass die vier nichtkommunistischen Parteien im Parlament versuchen werden, eine Regierungskoalition zustande zubringen und dass sie sich für die Wahl des Staatspräsidenten aus ihren Reihen mindestens 8 Stimmen von der Kommunistischen Partei im Parlament besorgen. In diesem Fall käme aber sicherlich nur Marian Lupu als neuer moldawischer Präsident in Betracht.

Quellen:
http://www.moldova.md

http://ro.wikipedia.org/wiki/Marian_Lupu


Quelle: die Autoren

Originalartikel veröffentlicht am 6.8.2009

Über den Autor

Hans-Jürgen Falkenhagen und Brigitte Queck sind assoziierte Autoren von Tlaxcala, dem Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl die Autoren als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=8279&lg=de

Written by mohart

6. August 2009 at 19:49

Veröffentlicht in Europa, Medien / Demokratie

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